wir arbeiten in der finsternis

wir tun was wir können

Nightshifts #33

[vortrag zum auftakt der reihe "crossings. neue kategorien in der kunst". depot, wien 2004]

die medien sind auf der suche nach dem besonderen. aus verständlichem grund. es geht um aufmerksamkeit. es geht um auflage. – und was dann kommt sind doch nur re-aktualisierungen von stereotypen aus dem tiefenspeicher des medialen gedächtnisses, altbekannte topoi im endlos-loop.da bewegen sich, ganz in romantischer tradition, autoren als eremiten durch die landschaft, da werden künstlerinnen vor, in und um ihren installationen portraitiert und die verkantete handkamera vermittelt ein weiteres mal “innovation”.

da sitzen regisseurInnen im parkett und philosophieren in versatzstücken über die aktualität eines klassikers.- und alle machen sie mit.
auf allen kanälen, die immer gleichen bilder. die immer gleichen geschichten.

die sprache der beiträge und texte in der kulturberichterstattung scheint zunehmend einem phrasenkatalog entsprungen. sogenannte stars werden gemacht. und manche von ihnen begleiten uns ein leben lang.

selbst in der vorstellung neuer junger positionen,die rede ist dann von shooting stars, findet ausnahmslos die lineare erzählung hin zum erfolg statt.

schlagkräftige stories, in der wiederholung; und das dauergrinsen der sieger.
während diskursive auseinandersetzung aus normierten interviews zu bestehen scheint, ist für offene fragen, und leerstellen, für zweifel und komplexeres – nicht aus sogenannten sagern – bestehendes denken kein platz.

die pragmatik des medialen tagesgeschäfts erlaubt keine zeitlöcher. vorgeformtes und altbekanntes; der logik der ideologie folgen die narrationen – und vor allem die erscheinungsformen. die images bestimmen das geschehen. etikettierungen und schubladen, und was da nicht hineinpasst, das wird zum beispiel zum multi-medialen hybriden erklärt. – womit eine neue schublade geöffnet wäre…

und überhaupt. schnittstellen, synergien. veränderte ästhetik. – überall schlagworte, die auf der stelle das posthumane suggerieren sollen, und für eine fortschrittsgläubige bewegung durch das globale dorf stehen. – nun, ja ein bequemes instrumentarium zur evozierung von altbewährtem in neuem outfit, allemal.

was crossings genannt wird, und mit interdisziplinarität zu tun hat, folgt in seiner anlage wie auch in seiner rezeption nicht selten alten gesetzen und bleibt gefangen in vertrauten denkmustern. – warum eigentlich handelt es sich bei kulturellen teilsystemen um normative einschliessungsmilieus, und nicht vielmehr um offene, non-restriktive und tatsächlich vernetzte wabenverbunde?

was feststeht ist, dass über allem der schatten der gegenwart liegt: die künstlerInnen als prototypen eines neoliberalen (lebens)models.
wunderbar flexibel, so herrlich kreativ, den neuen medien gegenüber aufgeschlossen, vielseitig einsetzbar, äusserst kommunikativ, einsatzfreudig und überproportional belastungsfähig.

willkommen im verbund der sogenannten kreativen industrien
!

neueste studien unterstreichen das potential, das diese bergen, während vor unseren augen, eine weitere biografie zerfällt. – das fragmentierte der eigenen arbeit. das fragmentierte des eigenen lebens.

was da, auch bei genauerem hinsehen, oftmals nicht zu finden ist, ist eine “stringente narration”. – denken ist ja ohnehin immer ein arbeiten im bodenlosen. und das kann, wie wir alle wissen, mitunter äusserst unangenehm werden.
ich weiss, das ich viel zu wenig weiss.

das vage, das offene kann aber ebenso ungeahnte freiräume erschliessen, und unorthodoxe wahrnehmungsvarianten und handlungsweisen in verschiedenen systemen und teilsystemen ermöglichen.

wir sind alle gäste des lebens, sagt der eine. wir sind alle pensionisten des weltalls, der andere. und ein dritter fügt an: “wir werden in eine unfertige kultur hineingeboren. und sterben immer, ehe es uns gelingt, das wesen und die resultate der eigenen tätigkeit zu reflektieren.”
was soviel heisst wie: der eigene platz in der kultur ist uns nie bekannt.

biografien können mehr, oder weniger kontinuierlich verlaufen. und auch im nachhinein lässt sich so manches nicht sagen. solange es um eine bewertung des übergreifenden glücks, wie martin seel es genannt hat, eines lebens geht, und nicht um die lebensleistung, bleibt alle bewertung abhängig von der perspektive der dereinst toten.

soweit, so gut. noch aber leben wir. – und haben die kraft uns in die arbeit zu stürzen. diese wird bisweilen zum einzigen lebensinhalt. serielles und paralleles tun; und über allem schwebt das horrorszenario ruhephase. arbeitslosigkeit als los ohne arbeit keinen wert mehr zu besitzen. und dabei wurde über die mögliche sinnlosigkeit kulturellen schaffens noch gar kein wort verloren.

er hätte seine kräfte verzettelt und dadurch vergeudet, schreibt george steiner.
und erstellt darauf in seinen memoiren errata. bilanz eines lebens, quasi eine kosten-nutzen-rechnung zwischen semantischen markern und sinnfrage.
er listet seine leistungen auf dem gebiet der philosophie auf, und beklagt das aneignen seiner schriften und seiner ideen durch andere – nicht selten ohne verweise auf deren ursprung, wie er enttäuscht feststellt. und er beklagt die unvollkommenheit seines eigenen werkes – sowie die eklatante nicht-anerkennung durch gewisse (fach-)kreise.

das ist das stichwort! das ist der grund, und möglicherweise die basis allen tuns.
die anerkennung! – nicht selten bleibt sie aus, oder zeigt sich nicht in der gestalt, in der sie erwartet/gewünscht/erhofft gewesen war.

sich einen namen zu machen, gilt als eine der obersten maxime im leistungsorientierten drohsystem. der erfolg unter eigener flagge wird verkauft als die möglichkeit zur subjekt-werdung, um das nichts mit dem etwas platz tauschen zu lassen. – endlich ein da-sein! – cogitOR ergo sum. – an mich wird gedacht, also bin ich. (diese passive denkfigur greift peter sloterdijk von franz von baader auf.)

ist es nicht auffällig, dass jene, die von der gesellschaft als stars tituliert werden, im fortschreitenden stadium ihrer sogenannten karrieren entweder hinter ihrem image zurückbleiben, karitativ tätig werden, oder – und das bringt die überlegung auf den punkt – den, oftmals selbstgewählten, (künstler)namen hinter sich lassen. ihn ablegen, und gegen einen anderen, oder ein symbol eintauschen.

“das ist die flucht vor dem namen”, wie es ilya kabakow ausdrückt, “die beständige weigerung, der zu sein, den sie beim namen nennen oder sogar der, den du dich selbst nennst.” -prince hiess einmal t.a.f.c.a.p. – madonna heisst jetzt esther.
und im übrigen heissen kuratorInnen neuerdings content partner.
alles nur eine frage der performanz. und die ist zur zeit wie man sagt, key word, im feld der kulturwissenschaften.

“im spätkapitalismus brüllt das geld. es verpackt zeit und raum.” sagt george steiner.
und was sperriger ist, und mit hilfe gängiger interpretationsschemata nicht leicht zuzuordnen ist, was möglicherweise sogar tatsächlich innovativ ist, bleibt oft auf der strecke.

wird ein kunstwerk nicht distribuiert, kommt es nicht in umlauf. – es existiert für die (kunst)welt nicht. so einfach ist das. – und was sich anhäuft ist unveröffentlichtes, was entsteht sind mehr oder weniger individuelle archive der produktivität; materialkonzentrationen, die darauf hoffen, entdeckt zu werden.

währenddessen verschwimmen die grenzen, und selbst erklärte profis wissen oft nicht mehr, woran sie im umfeld des sogenannten kunstkontextes eigentlich sind.
geld. intrigen. beziehungen. – auf nichts mehr ist verlass.

heute ist es, insbesondere im multimedialen bereich, leichter geworden, unkompliziert und unabhängig zu produzieren. ein wenig schwerer ist es da schon, zu veröffentlichen. – ein weiter schritt ist es allerdings dahin, auch tatsächlich wahrgenommen zu werden; an/gehört und an/gesehen zu werden.

aber auch status gibt keine sicherheit, schützt vor enttäuschungen nicht.

oft ist das regulativ, ein mehr oder weniger temporäres, nicht-öffnen von teilfeldern des kunstsystems, eine quasi-blockade. und so wird ein bereich wieder für einige zeit zurückgelassen, und eine idee in einem anderen wieder aufgenommen.
denn es sind die die ideen und die inhalte, die sich ein medium suchen, es favorisieren. das eine wird zugunsten eines anderen auf standby geschalten. – crossen, wenn man so will, um sich auf anderes zu besinnen. crossen also weniger als kalkül oder anmassung, sondern viel mehr als notwendigkeit – als lebenspraxis, wenn man so will.

erklärung und notstand. und wie das selbstbild oftmals, reflektiert über die augen anderer, zu wackeln beginnt. immer und immer wieder lässt sich nicht einfach sagen: ich bin autorIn. oder: ich bin regisseurIn. oder: ich bin bildende künstlerIn. oder: ich bin musikerIn. oder vielleicht sogar: ich bin wissenschafterIn.

ich bin dieses und jenes; und alles in einem. ich bin als reproduktionstechniker partizipativ unterwegs durch gesellschaftliche themenfelder.

ich bin dieses und jenes; und alles in einem. und wir sind viele. mein laptop und ich. meine videokamera und ich. mein fotoapparat und ich. meine leinwand und ich.
die tools, die sloterdijk´schen selbstabdichtungungsmedien und ich – als david – gegen den goliath erfassungsmedien.

wer sich dem noch anschliesst, das sind die kooperationspartnerInnen und wegbegleiterInnen. gemeinsam arbeiten wir uns am imaginären ab, reiben uns am symbolischen.

wir arbeiten in der finsternis. wir tun, was wir können. – und unsere arbeit lässt sich am besten als soziokulturelle praxis lesen.

die frage, die sich dann freilich stellt lautet: in welchem sinn aber kann diese arbeit gelingende soziokulturelle praxis sein?

je abstrakter modelle des kunstsystems angedacht werden, je theoretischer der apparat wird, der erklärung versprechen soll, desto unklarer werden oftmals die anworten auf die frage. – soweit meine erfahrung.

in welchem sinn kann denn aber nun künstlerische arbeit gelingende soziokulturelle praxis sein?

wieder einmal liegt richard shusterman ´s “kunst leben. die ästhetik des pragmatismus”, auf englisch erschienen 1992, gut in der hand.

“wenn wir die kunst als erfahrung statt als äusseres herstellen neu denken, werden wir daran erinnert, dass das künstlerische schaffen selbst eine mächtige erfahrung ist, die den künstler/die künstlerin und das werk ihrerseits formt.”, schreibt shusterman.

unterschwellig oder traumatisch; jede erfahrung modifiziert das bewusstsein.
alles hinterlässt spuren; eine melodie. ein bild. ein satz. eine installation. –
unerwartet klingt etwas nach, hackt sich fest, formuliert sich neu.
nicht wir lesen das werk, das werk liest sich uns – auf ungeahnten bahnen.

und je weniger das system als solches gedacht wird, und je mehr die konkrete einzelne erfahrung in all ihrer komplexität im vordergrund steht. – desto mehr vertrauen schöpfe ich.

vergessen wir das ideal der beherrschten produktion, wie martin seel es genannt hat. es spiegelt das bild von künstlerInnen als machern wider, die genau wissen, was sie hervorbringen möchten, und die den herstellungsprozess vollkommen unter kontrolle haben. vergessen wir, was manche uns weismachen möchten.

wir eignen uns die welt im arbeitenden umgang an.
der sinn einer, wie auch immer mühselig oder leichhändig vollbrachten arbeit liegt, um noch einmal mit seel zu sprechen, in einem produktiven austausch mit der wirklichkeit, vielleicht in einer bewältigung der welt.

womöglich aber auch nur in der hoffnung auf eine solche.

das dunkel, das jeden einzelnen von uns umgibt ist tief. – einen versuch wert aber ist es allemal, das sehen darin erlernen zu wollen.

 



Wunschmaschine Jerusalem

Souvenirs: Jerusalem

Ausstellung/Detail: Souvenirs aus Jerusalem

[WINA - DAS JÜDISCHES STADTMAGAZIN | September 2015]

Das Jüdische Museum Hohenems unternimmt mit der Ausstellung “Endstation Sehnsucht. Eine Reise durch Yerushalyim–Jerusalem–Al Quds” eine symbolische Tour de Force durch die Heilige Stadt.

Von Paul Divjak

Draußen drückt die trockene Hitze, vor der ehemaligen Villa Heimann-Rosenthal steht die Sonne hoch am Firmament, und man meint bereits im Vorfeld, im Garten des Museums, die Gerüche Jerusalems wahrzunehmen; lagen da nicht eben Spuren von Koriander und Kardamom in der Luft? Das Aroma von Kreuzkümmel und gebackenem Pita-Brot, eine Idee von Etrog, Weihrauch und Haschisch, erhitztem Stein und Pinien? — mehr —


“Klappern Sie jetzt alle betagten Juden ab?”

©Czernin Verlag

©Czernin Verlag

[WINA - DAS JÜDISCHE STADTMAGAZIN | April 2013]

“Das Zeitalter der Verluste: Der neue Interviewband von Thomas Trenkler gibt Einblick in die Lebenswege von Holocaust-Überlebenden und Nachgeborenen.

Von Paul Divjak

Nie möchte man in eine Welt geboren sein, in denen Menschen so etwas wie den Holocaust ermöglicht haben, darin steckt eine tiefe Sehnsucht, eine Utopie. So könnte man es ausdrücken, den Filmemacher Werner Herzog paraphrasierend. Die Frage, ab wann wer gewusst hatte, was passierte, damals vor 75 Jahren, und wie man reagierte, wird von Thomas Trenkler in seinem Band “Das Zeitalter der Verluste” (Untertitel: “Gespräche über ein dunkles Kapitel”) immer wieder gestellt. — mehr —


Chronik der Gefühle

Stefan Slupetzky

Foto: ©Julia Maetzel

[WINA - DAS JÜDISCHE STADTMAGAZIN | August+September 2016]

Stefan Slupetzky widmet sich als Wanderer zwischen den Welten in seinem neuen Buch der Aufzeichnung von Existenziellem.

Von Paul Divjak

Auf eine literarische Erzählzeit von zwei Tagen verdichtet Stefan Slupetzky in seinem neuen Buch „Der letzte große Trost“ eine Familiengeschichte, in die sich die Zeitgeschichte eingeschrieben hat, als gälte es, den NS-Wahnsinn pars pro toto in der „Keimzelle des Staates“ auf den Punkt zu bringen: Galt doch die Liebe der jüdischen Großmutter einst ausgerechnet dem Spross aus dem Linzer Clan, der Zyklon-B hergestellt hat. Und das Enkelkind erzählt die Geschichte. — mehr —


nichts hier jetzt, als wohltemperiertes rauschen

Ö1/Diagonal

Plattencover / Alte Platte

[beitrag zur sendung: christian fennesz. ein popstar der aus dem rauschen kommt. ö1/diagonal 2004]

es war eine single von o.m.d, dem orchester, das im dunklen manövrierte, damals, anfang der achtziger jahre. talking loud and clear hiess die nummer, und es war nicht die stimme des sängers, es war nicht der betont verspielte klang des synthesizers. – es waren die kratzspuren, hinter denen der song in einem schallmeer aus verdichteter zeit versank. ich genoss das knistern. es ging durch und durch, trug mich weiter, woanders hin – nach hause. es knisterte. mitten im lärm der welt knisterte es. ich konnte nicht genug bekommen davon. das knistern schwoll an. mit jedem abspielen wurde es mehr. es geriet zum rauschen. und im hintergrund: die melodie. talking loud and clear, saying just what we feel… da war es! – das flirren einer neuen klangwelt. — mehr —