nichts hier jetzt, als wohltemperiertes rauschen

Ö1/Diagonal

Plattencover / Alte Platte

[beitrag zur sendung: christian fennesz. ein popstar der aus dem rauschen kommt. ö1/diagonal 2004]

es war eine single von o.m.d, dem orchester, das im dunklen manövrierte, damals, anfang der achtziger jahre. talking loud and clear hiess die nummer, und es war nicht die stimme des sängers, es war nicht der betont verspielte klang des synthesizers. – es waren die kratzspuren, hinter denen der song in einem schallmeer aus verdichteter zeit versank. ich genoss das knistern. es ging durch und durch, trug mich weiter, woanders hin – nach hause. es knisterte. mitten im lärm der welt knisterte es. ich konnte nicht genug bekommen davon. das knistern schwoll an. mit jedem abspielen wurde es mehr. es geriet zum rauschen. und im hintergrund: die melodie. talking loud and clear, saying just what we feel… da war es! – das flirren einer neuen klangwelt.

kein menschenleben sei denkbar ohne einen grossen elementewechsel vom feuchten ans trockene, ohne einen übergang vom inneren meer ans festland, schreibt peter sloterdijk. das menschliche gehör sei a priori darauf eingerichtet, für die geräuschwelt der eigengruppe offenzustehen. jedes wesen empfange dort ein spezifisches tuning, eine relativ scharfe und selektive einstimmung auf die sonosphäre seiner gruppe.

über die akustische nabelschnur erreichen uns atmosphärische botschaften des abwesenden; sie erzählen vom entfernten.

die weltpopulärmusik etabliere in potentiell allen lautsprechern des planeten dieselben musikalischen diktate, schreibt sloterdijk, dieselben tonisierenden effekte, dieselbe einstimmungen in dieselben phrasen und dieselben tonalen formeln.

er würde wohl soundscapes, wie die von christian fennesz lieben – sofern er dies nicht ohnehin tut -, stellen sie doch radikal poetische gegenentwürfe zur vermeidung des drohenden elektroakustischen desasters dar, momente des aufbegehrens gegen die globalisierte gleichschaltung des akusmatischen feldes.

wir wachsen in eine klangwelt hinein, und denken, es wäre die welt.
und dann markieren elektromagnetische schwingungen eine wende.
wir überwinden die grenzen unseres wahrnehmungsraums, tauchen ein in einen neuen kommunikationsraum. digitale soundszenarien erzählen da im musikalischen schichtwechsel verschwommen von auraler geborgenheit. weiche, sanft modulierte stimmungen werden geteilt: plazentamusik statt weltmusik. dem knistern freie bahn, dem rauschen kein einhalt; die summe der störungen ermöglicht eine bewegung zur sinnstiftung. wiederholung und differenz; patterns und plug ins.
was entsteht, das ist eine andere referenzialität. mit leerräumen, in denen es sich leben, besser leben lässt, wenn wir so wollen.

“ich werde ja auch nicht schlafen, sondern nur träumen. wie gestern z.b , wo ich im traum zwei telefonhörmuscheln ergriff und an die ohren hielt, aber aus dem telefon nichts und nichts zu hören bekam, als einen traurigen, mächtigen, wortlosen gesang und das rauschen des meeres…” schreibt franz kafka in einem seiner briefe an felice bauer.

vielleicht ist ja, und nicht nur bei kafka, die sehnsucht nach dem rauschen im grunde grösser als jene nach dem geliebten menschen. freischwebend und aufmerksam, unterwegs durch das akustische wellenbad. und hätten der liebe nicht; egal.
der sound greift um sich, nistet sich ein. hörnerv und körper reagieren. was folgt ist der aufbruch aus dem nichts. das fremdsein wird thema, die orte der vergangenheit, das vergehen von zeit. und das schöne daran: nichts muss gebrochen werden, überhöht oder unterwandert werden. es gibt keine angst. – und pathos wird wieder möglich.

das lied führe uns in die heimat, die wir nie betreten haben, schreibt george steiner. in eine heimat, die wir vielleicht für immer verloren haben. und so bleibt das knistern ein schwacher trost. home is, where my hard disc is. das urrauschen bewirkt eine loslösung von altbewährtem, es ermöglicht ein zugehen auf bisher unbekanntes.
der musikalische klangraum ist ein unendlicher, er entzieht sich jedem verständnis.
und doch lässt er sich, umgeben von arrangements, die die welt bedeuten können, aber nicht müssen, in seiner gesamtheit auf unmittelbare weise erahnen.

musik, wie die von christian fennesz, verhandelt ein unterwegssein im stillstand.
sie nimmt sich zeit. was sache ist, ist ein hier und jetzt, in dem sie in der reduktion von vergangenem erzählt. ein jahr, in einer minute.
bevor wir wieder weiter müssen (und wir müssen immer weiter durchbrechen), bewegen wir uns mental auf schichten und landschaften unserer wahrnehmung zu, eingebettet in das rauschen, das audiofiles generieren.
begleitet von einem echolot zur erkundung der emotionalen disposition, wird das allgemeine verschwinden erträglicher; man muss sich beeilen, wenn man noch etwas hören will. und so werden dem vergehen von zeit mitunter mutig sandbänke und luftschlösser, lichtstädte und fremde gesichter entgegengehalten.
nichts hier jetzt, als wohltemperiertes rauschen.

transitorisch ist jede einzelne dieser fragilen soundflächen. alles vergeht, nichts bleibt für immer. was zurückbleiben wird, sind traumräume musikalischer polyphonien, aus akustischen datenmengen geschält. es knistert, es rauscht, es zirpt./ es brummt und summt, es knackst und dröhnt./ es frickelt, es hallt, es koppelt rück, und tönt./ happy audio.

quasi-organisches rauschen hüllt uns ein, ein stück weg umspült der klang der gitarre und das mehr. frequenzen wechseln die tonart, flüstertöne halten die spannung. das rhythmische stottern schafft poesie; echte gefühle für eine restlos verkabelte welt!
die musik meint es gut mit uns. sie spielt bodenvariationen unter unsere füsse, erreicht in uns niemals zuvor bespielte resonanzkörper. der körper wird musik, und musik wird körper. alle sounds kämen aus dem körper, sagt dj spooky. und die komplexe art des körpers synästhetisch zu schwingen: nicht zuletzt ein geschenk, das aus dem rauschen kommt.

die dionysischen digitalen klangbäder zwischen relation und emotion, die musik konkret werden liessen, verebben wieder. eine bewegung ins offene hallt nach. das schweben hat ein ende. das gesamte klangspektrum eines endlosen sommers liegt hinter uns. unvermittelt werden wir in die brutalität und in die schönheit der welt gestossen,- kannst du fühlen, was ich fühle?



Forschungsreise an den Anfang der Architektur

Zur Ausstellung «Architektur beginnt im Kopf» im Architekturzentrum Wien

Architektur

[werk, bauen + wohnen 1/2-2009]

Manche greifen zum Gewehr, um anhand der Einschusslöcher Formfindung zu betreiben und zu Deleuze oder Foucault, um die Ideenfindung zu beschleunigen (R & Sie(n)). Andere züchten im grossen Stil Orchideen im Büro (Lacaton & Vassal) oder widmen sich dem Spiel mit Lego-Steinen, um bisher unentdeckte Synapsenverbindungen auszuloten (Edge Design Institute). Mancher sind die besten Gedanken stets im Liegen gekommen (Lux Guyer), für eine andere nahm der offene Kamin, an dem sie mit ihren MitarbeiterInnen diskutierte, eine wesentliche Schlüsselfunktion im Rahmen des «kleinen sozialistischen Projekts» und des konkreten Entwurfsprozesses ein (Lina Bo Bardi).

Architekten ticken verschieden. Fest steht, dass der Anfang der Idee, der Beginn der Genealogie eines einzelnen Projekts oder der gesamten Arbeit, architekturgeschichtlich zumeist im Dunklen bleibt. Dieser Tatsache wollte die Kuratorin Elke Krasny bewusst etwas entgegensetzen. Sie ist den Spuren des persönlichen Rituals, der ureigenen Herangehensweise an den Schaffensprozess gefolgt. Krasny hat dem Wie des Tuns nachgespürt, und präsentiert nach zweijähriger Feldforschung, unterstützt von Gudrun Hausegger und Robert Temel, eindrückliche und aufschlussreiche Ergebnisse im Architekturzentrum Wien (Az W). — mehr —


Eine Landvermessung mit Soundtrack

Atlas Austria – Architekturfotografie von Margherita Spiluttini im Architekturzentrum Wien

[In: werk, bauen + wohnen, 09/2007]

Die bekannte Daguerreotypie vom Boulevard du Temple, Ursprungsmotiv der Genealogie der Fotografiegeschichte, zeigt einen menschenleeren Boulevard. Zum Zeitpunkt der Aufnahme war der Strassenzug voller Menschen, Pferden, fahrbaren Untersätzen. Die extrem lange Belichtungszeit allerdings liess jegliches Leben verschwinden. Bewegung erzeugt Unschärfe und führt schliesslich zu Unsichtbarkeit. (Lediglich ein Mann, der längere Zeit dieselbe Position innehatte, hinterliess unbeabsichtigt sichtbare Spuren seiner Präsenz.)

Auch in Margherita Spiluttinis Bilderwelt, in ihr Archiv präziser Bestandsaufnahmen des Hoch- und Tiefbaus in der Disziplinar- und Kontrollgesellschaft, schreibt sich der Mensch zumeist durch seine Abwesenheit ein. Das fotografische Dispositiv bleibt menschenleer. Die Bewohner der Bauten, die Benutzer der architektonischen Oberflächen waren entweder zum Zeitpunkt des Lichteinfalls zwischen Öffnen und Schliessen des Verschlusses tatsächlich nicht anwesend, oder sie sind es letztlich nicht mehr. Privathäuser, öffentliche Gebäude, Industriebauten, Zweckarchitektur: allesamt Zeichen der Zeit, Repräsentationen von Machtverhältnissen, von Menschen geschaffen. Spiluttini betreibt mit ihrer Fotografie ausführliche Motivforschung in der Alpenrepublik. Ihre menschenverlassenen Settings könnten mitunter den flüchtigen Schatten des literarischen Personals einer Elfriede Jelinek Herberge sein.
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Chronik der Gefühle

Stefan Slupetzky

Foto: ©Julia Maetzel

[WINA - DAS JÜDISCHE STADTMAGAZIN | August+September 2016]

Stefan Slupetzky widmet sich als Wanderer zwischen den Welten in seinem neuen Buch der Aufzeichnung von Existenziellem.

Von Paul Divjak

Auf eine literarische Erzählzeit von zwei Tagen verdichtet Stefan Slupetzky in seinem neuen Buch „Der letzte große Trost“ eine Familiengeschichte, in die sich die Zeitgeschichte eingeschrieben hat, als gälte es, den NS-Wahnsinn pars pro toto in der „Keimzelle des Staates“ auf den Punkt zu bringen: Galt doch die Liebe der jüdischen Großmutter einst ausgerechnet dem Spross aus dem Linzer Clan, der Zyklon-B hergestellt hat. Und das Enkelkind erzählt die Geschichte. — mehr —


wir arbeiten in der finsternis

wir tun was wir können

Nightshifts #33

[vortrag zum auftakt der reihe "crossings. neue kategorien in der kunst". depot, wien 2004]

die medien sind auf der suche nach dem besonderen. aus verständlichem grund. es geht um aufmerksamkeit. es geht um auflage. – und was dann kommt sind doch nur re-aktualisierungen von stereotypen aus dem tiefenspeicher des medialen gedächtnisses, altbekannte topoi im endlos-loop.da bewegen sich, ganz in romantischer tradition, autoren als eremiten durch die landschaft, da werden künstlerinnen vor, in und um ihren installationen portraitiert und die verkantete handkamera vermittelt ein weiteres mal “innovation”.

da sitzen regisseurInnen im parkett und philosophieren in versatzstücken über die aktualität eines klassikers.- und alle machen sie mit.
auf allen kanälen, die immer gleichen bilder. die immer gleichen geschichten. — mehr —