Forschungsreise an den Anfang der Architektur

Zur Ausstellung «Architektur beginnt im Kopf» im Architekturzentrum Wien

Architektur

[werk, bauen + wohnen 1/2-2009]

Manche greifen zum Gewehr, um anhand der Einschusslöcher Formfindung zu betreiben und zu Deleuze oder Foucault, um die Ideenfindung zu beschleunigen (R & Sie(n)). Andere züchten im grossen Stil Orchideen im Büro (Lacaton & Vassal) oder widmen sich dem Spiel mit Lego-Steinen, um bisher unentdeckte Synapsenverbindungen auszuloten (Edge Design Institute). Mancher sind die besten Gedanken stets im Liegen gekommen (Lux Guyer), für eine andere nahm der offene Kamin, an dem sie mit ihren MitarbeiterInnen diskutierte, eine wesentliche Schlüsselfunktion im Rahmen des «kleinen sozialistischen Projekts» und des konkreten Entwurfsprozesses ein (Lina Bo Bardi).

Architekten ticken verschieden. Fest steht, dass der Anfang der Idee, der Beginn der Genealogie eines einzelnen Projekts oder der gesamten Arbeit, architekturgeschichtlich zumeist im Dunklen bleibt. Dieser Tatsache wollte die Kuratorin Elke Krasny bewusst etwas entgegensetzen. Sie ist den Spuren des persönlichen Rituals, der ureigenen Herangehensweise an den Schaffensprozess gefolgt. Krasny hat dem Wie des Tuns nachgespürt, und präsentiert nach zweijähriger Feldforschung, unterstützt von Gudrun Hausegger und Robert Temel, eindrückliche und aufschlussreiche Ergebnisse im Architekturzentrum Wien (Az W).

Die Kuratorin interessiert sich für den persönlichen Raum in dem Ideen Form annehmen, in dem sich Kreativität entfalten kann: das Arbeitsumfeld, das sich ArchitektInnen gestalten – nicht die fertig gestellten Werke, die abgeschlossenen Projekte. Folglich steht das Initial des Schaffensprozesses im Mittelpunkt, gilt Inspirationsquellen und Impulsträgern, die zum Kreationsvorgang führen, das Interesse. «Wie beginnen Architekten den Arbeitsprozess? Welche Werkzeuge verwenden sie? Welche Rolle spielen kollektive Werkzeuge einer Zeit für den individuellen Entwurfsakt? Wie haben sich Computerprogramme in die Herangehensweise und in die Planung von Architektur eingeschrieben?» – Es waren forschungsleitende Fragen wie diese, die sich Elke Krasny gestellt hat und die am Anfang des Ausstellungsprojektes standen. «Es geht mir um Architektur als Vorstellung, um den Prozess im Kopf», sagt Krasny.

Zurück also an den Anfang, an den Beginn der Idee, mit dem Ziel eine Typologie zu erstellen. Intensive Recherche, teilnehmende Beobachtung, Besuch in den Ateliers und Büros, Gespräche und Interviews mit Architekten, Mitarbeitern, Nachlassverwaltern; Oral History zum Nachvollziehbar-Machen von Ideenentwicklungen und Entwurfsverläufen. Krasny spürt dem Abwesenden nach, hält mit Bild und Ton fest, was sie vorfindet. «Alles, was stören könnte, ist im Bild», sagt sie. «Der Alltag tritt in den Vordergrund, ungeschönt.» Rituale, Traditionen, Leidenschaften, persönliche Vorlieben und Ablehnungen: 20 Ateliers, ausgesucht nach typologischen Gesichtspunkten, stellt die Ausstellung vor. Jedes wird mit einem exemplarischen Projekt präsentiert.

Werkzeug und Alltag

Das Raumdispositiv der Ausstellung folgt einer klaren Struktur. Im Zentrum, gleichsam als Nukleus, befindet sich das Werkzeug. Weltweit habe sich noch kein Museum darauf spezialisiert, betont Elke Krasny. Eine repräsentative Auswahl von Werkzeugen, die im Entwurf und der Umsetzung eine Rolle spielen, oder früher einmal gespielt haben, erlebt hier folglich seine temporäre Musealisierungspremiere in Schaukästen und Vitrinen. Hier findet sich alles: vom Kreide- und Rötelstift bis zum Kugelschreiber, vom Schleifpapier, über die Spitzfeile zum Bleistiftspitzer, vom Reisszeug, über einen Parallelogrammarm der Swiss Exacta Senior bis hin zum Zeichentisch Ideal aus den 1930er Jahren. Wer noch nie in Berührung mit Sprühkleber, Klebepistole, Styroporschneider oder einem Thermoschneidegerät mit Glühdraht gekommen ist: hier lässt sich all dies, wenn auch nicht angreifen, so zumindest betrachten. Und zwischendurch taucht schon mal eine grössere Lichtpausmaschine auf, ein Kopierer oder ein vergilbter Plotter aus den 1980er Jahren.

Rundherum angeordnet, quasi als Satelliten im dialektischen Diskurs, werden die Büros vorgestellt. Zu Settings verdichtet, erfolgt die Präsentation in, von der Szenographin Alexandra Maringer offen gestalteten, und doch wahrnehmbar in sich geschlossenen Raumeinheiten. Das nominierte Originalmaterial, eingebettet in inszenierte, unverwechselbare Locations, gibt aufschlussreiche Einblicke in die Welt des individuellen Architektur-Machens. Fotos dokumentieren den Arbeitsalltag, Schautafeln informieren weiterführend über Vorlieben und Inspirationsquellen, über Haltung und Herangehensweise, sowie spezifisch verwendete Werkzeuge.

Persönliche Vorlieben

Alvar Aalto (1898-1976) beispielsweise schwor auf 6B-Fallminenstifte der Marke Koh-i-Noor und finnisches Skizzenpapier («der Schöpfer hat das Papier für das Zeichnen von Architektur geschaffen»), im Atelier Bow-Wow in Japan steht der Modellbau im Mittelpunkt der Entwurfsschritte. Hermann Czech skizziert «primär mit Worten», kommuniziert seine Ideen verbal an sein Team, macht sich via historischer Verweise verständlich. Bei Diller Scofidio + Renfro in New York ist man überzeugt, dass alles zum Werkzeug werden kann, unkonventionelle Tools und Methoden sind Teil des täglichen Zugangs zur Arbeit. Yona Friedmans Atelier-Wohnung ist Gesamtkunstwerk; Gesammeltes, selbst Erzeugtes umgibt ihn. Er ist Solist und benutzt A4-Blöcke, Fineliner und unspektakuläre Materialien, aus denen er Modelle formt.

Auch Rudolf Oligiati (1910-1995) ist im Rahmen der Ausstellung eine Ecke gewidmet. «Erste Ideen», so der begleitende Text, «entwickelte er am Bauplatz, zahlreiche Skizzen mit dem Bleistift 6B und Buntstiften auf mehren Lagen von Transparentpapier folgten.» Unter anderem ausgestellt sind: Originalskizzen, Pläne, Skizzenbücher, Fotos, Projektordner. Bei dem exemplarisch vorgestellten Projekt handelt es sich um das Appartementhaus Las Caglias, Flims-Waldhaus (1959-60). Hier riecht es nach Holz, und ist ganz allgemein, trotz Materialfülle und inhaltlicher Dichte wunderbar aufgeräumt.

Beim Verlassen der Ausstellung fällt der Blick auf den mittig aufgestellten Tisch auf dem Rechner platziert sind, die unterschiedliche Architektursoftware vorstellen. Darüber baumeln unscheinbar ein weisser Arbeitskittel und ein schwarzer Rollkragenpullover von der Decke. «Eine Reminiszenz an die lange Zeit klassische Uniform in Architekturbüros», verrät die Szenographin Alexandra Maringer.

Aber was tragen die in der Ausstellung vorgestellten Architekten eigentlich heute, im Atelier, im Büro? – Nichts besonderes. Soweit auf den Fotos ersichtlich, dominiert das gängige globale Kleidungsrepertoire: vom knallbunten T-Shirt (Atelier Bow-Wow), übers dunkle Sweat-Shirt mit Kragen (Edge Design Insitute), dem Lacoste-Shirt (Georg Schwalm-Theiss), bis hin zu Pullover (Anne Lacaton), Hemd und Sakko (Hermann Czech). Ein Anzug mit Krawatte, wie ihn Gary Cooper als Architekt Howard Roark in «The Fountainhead» (Ein Mann wie Sprengstoff), 1949 trägt (das Bild ist dem Katalog vorangestellt), scheint dieser Tage nirgendwo spezifischer Ausdruck idiosynkratischer Vorlieben zu sein. Er taucht jedenfalls im gegenwärtigen Berufsalltag, wie ihn die Ausstellung wiedergibt, nicht auf.

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Zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen: Elke Krasny/Architekturzentrum Wien (Hrsg.), Architektur beginnt im Kopf/The Making of Architecture, Basel Boston Berlin: Birkhäuser Verlag 2008; ISBN: 978-3-7643-8979-6



Chronik der Gefühle

Stefan Slupetzky

Foto: ©Julia Maetzel

[WINA - DAS JÜDISCHE STADTMAGAZIN | August+September 2016]

Stefan Slupetzky widmet sich als Wanderer zwischen den Welten in seinem neuen Buch der Aufzeichnung von Existenziellem.

Von Paul Divjak

Auf eine literarische Erzählzeit von zwei Tagen verdichtet Stefan Slupetzky in seinem neuen Buch „Der letzte große Trost“ eine Familiengeschichte, in die sich die Zeitgeschichte eingeschrieben hat, als gälte es, den NS-Wahnsinn pars pro toto in der „Keimzelle des Staates“ auf den Punkt zu bringen: Galt doch die Liebe der jüdischen Großmutter einst ausgerechnet dem Spross aus dem Linzer Clan, der Zyklon-B hergestellt hat. Und das Enkelkind erzählt die Geschichte. — mehr —


nichts hier jetzt, als wohltemperiertes rauschen

Ö1/Diagonal

Plattencover / Alte Platte

[beitrag zur sendung: christian fennesz. ein popstar der aus dem rauschen kommt. ö1/diagonal 2004]

es war eine single von o.m.d, dem orchester, das im dunklen manövrierte, damals, anfang der achtziger jahre. talking loud and clear hiess die nummer, und es war nicht die stimme des sängers, es war nicht der betont verspielte klang des synthesizers. – es waren die kratzspuren, hinter denen der song in einem schallmeer aus verdichteter zeit versank. ich genoss das knistern. es ging durch und durch, trug mich weiter, woanders hin – nach hause. es knisterte. mitten im lärm der welt knisterte es. ich konnte nicht genug bekommen davon. das knistern schwoll an. mit jedem abspielen wurde es mehr. es geriet zum rauschen. und im hintergrund: die melodie. talking loud and clear, saying just what we feel… da war es! – das flirren einer neuen klangwelt. — mehr —


“Klappern Sie jetzt alle betagten Juden ab?”

©Czernin Verlag

©Czernin Verlag

[WINA - DAS JÜDISCHE STADTMAGAZIN | April 2013]

“Das Zeitalter der Verluste: Der neue Interviewband von Thomas Trenkler gibt Einblick in die Lebenswege von Holocaust-Überlebenden und Nachgeborenen.

Von Paul Divjak

Nie möchte man in eine Welt geboren sein, in denen Menschen so etwas wie den Holocaust ermöglicht haben, darin steckt eine tiefe Sehnsucht, eine Utopie. So könnte man es ausdrücken, den Filmemacher Werner Herzog paraphrasierend. Die Frage, ab wann wer gewusst hatte, was passierte, damals vor 75 Jahren, und wie man reagierte, wird von Thomas Trenkler in seinem Band “Das Zeitalter der Verluste” (Untertitel: “Gespräche über ein dunkles Kapitel”) immer wieder gestellt. — mehr —


wir arbeiten in der finsternis

wir tun was wir können

Nightshifts #33

[vortrag zum auftakt der reihe "crossings. neue kategorien in der kunst". depot, wien 2004]

die medien sind auf der suche nach dem besonderen. aus verständlichem grund. es geht um aufmerksamkeit. es geht um auflage. – und was dann kommt sind doch nur re-aktualisierungen von stereotypen aus dem tiefenspeicher des medialen gedächtnisses, altbekannte topoi im endlos-loop.da bewegen sich, ganz in romantischer tradition, autoren als eremiten durch die landschaft, da werden künstlerinnen vor, in und um ihren installationen portraitiert und die verkantete handkamera vermittelt ein weiteres mal “innovation”.

da sitzen regisseurInnen im parkett und philosophieren in versatzstücken über die aktualität eines klassikers.- und alle machen sie mit.
auf allen kanälen, die immer gleichen bilder. die immer gleichen geschichten. — mehr —