Licht am Ende des Tunnels

 

Schauspielhaus Wien ©Paul Divjak

Schauspielhaus Wien ©Paul Divjak

WINA – DAS JÜDISCHE STADTMAGAZIN 05_2020 | URBAN LEGENDS | PAUL DIVJAK

»Die Corona-Krise könnte Menschen dazu bringen, darüber nachzudenken,
was für eine Art Welt wir wollen.«
Noam Chomsky

Der Alltag des rauschenden Konsumismus, der permanenten Produktion und Mobilität ist in den letzten Wochen zum Erliegen gekommen. Surreale Bilder entleerter Städte und Weltgegenden und widersprüchliche Informationen, Warnungen vor den unmittelbaren Gefahren einer unsichtbaren Bedrohung wie auch vor den Folgen der gesetzten und immer wieder neu justierten (und bisweilen willkürlich exekutierten) Maßnahmen prägten die Wortmeldungen, Beiträge und Papers namhafter WissenschaftlerInnen unterschiedlichster Disziplinen.
Die (Medien-)Welt war von einem einzigen Thema geprägt; exponentielle Kurven auf allen Kanälen. Und statt des Eurovision Songcontest: ein tosendes Länderranking der (mutmaßlichen) Infektionen, der Genesenen und der Sterbefälle. Und allerorts Regierungsspitzen, die verkündeten: „Wir haben so rasch gehandelt wie kaum ein anderes Land.“
Eine kritische Gegenöffentlichkeit, warnende Stimmen, die zuletzt über Monate und Jahre auf diverse gesellschaftliche Missstände und globale Fehlentwicklungen hingewiesen hatten, war mit einem Mal aus dem öffentlichen Raum und somit aus dem allgemeinen Bewusstsein verschwunden.
Nach langem Zögern und widersprüchlichen Kommentaren von offizieller Seite, herrschte in Österreich auf einmal statt des Vermummungsverbots staatlich verordnete Maskenpflicht.

Suggerierte Normalität im Schwebezustand. Weltweit setzte man auf Lockdown, Abschottung und die Rückbesinnung auf nationalstaatliche Grenzen und (politische) Interessen.
Die geballten News prasselten auf uns ein, und wir alle waren dem medialen Rauschen vor dem Hintergrund fehlender Daten ausgesetzt, zurückgeworfen auf unsere eigenen vier Wände, zum Innehalten verbannt. Angesichts der Unfassbarkeit der Situation fand man sich in mehr oder weniger privilegierter Lage in illustrer Corona-Biedermeierlichkeit wieder. Es wurde Brot gebacken, Hausunterricht praktiziert, getrunken und geturnt. Homeoffice, Telearbeit und Ausbau der Internetpräsenz und (gratis) -angebote wurden als Novum gefeiert, um zukunftsfit zu sein. Für alle, die es sich leisten konnten, war die Flucht in die Produktivität naheliegend. Sie suggerierte Normalität im Schwebezustand, als handelte es sich bloß um eine kleine Unterbrechung der Logik der globalen Schieflage, kaum störender als ein kurzer TV-Bildausfall. Schon bald würde es ja „ein Licht am Ende des Tunnels“ geben: ein Sprachbild, das Politiker weltweit bemühten. Manchmal ist das Licht am Ende des Tunnels auch ein entgegenkommender Zug.
Ansonsten verließ man sich auf die Regierung, die auf Message Control und das Schüren von Angst als probates Mittel des Krisenmanagements setzte. Kritische WissenschaftlerInnen, die essenzielle Bedenken, Public-Health-Anmerkungen und Forschungserkenntnisse einbrachten, waren von offizieller Seite nicht gern gesehen, gegenläufige Meinungen wurden als Verrat an der gerechtfertigten Verordnungsflut angesehen, zivilgesellschaftlich wurden mögliche falsche Bewegungen von Nachbarn gerne beobachtet und den Behörden gemeldet.
Verdrängung stand am Anfang der Krise, die eine systemische ist, Verdrängung begleitete uns durch die Krise: Die sozial Schwächsten, die (nunmehr) Arbeitslosen, die Obdachlosen und Wohlstandsverlierer, Heimatlosen, Flüchtenden, an den Rändern der Privilegiertheit und Sichtbarkeit – all jene, die keine Möglichkeit hatten, in einem gesicherten Umfeld auf physische Distanz zu gehen, um sich und andere zu schützen, drohten, ganz in Vergessenheit zu geraten.

Halbwertszeit des kollektiven Erinnerns. Ein leitender Ingenieur, der für Lawinen- und Wildbachverbauungen zuständig ist, hat mich einmal darauf hingewiesen, dass die Halbwertszeit des kollektiven Erinnerns erstaunlich kurz sei: Selbst nach tödlichsten Naturkatastrophen, die ganze Dörfer ausgelöscht hätten, würden die BewohnerInnen nach kurzer Zeit wieder in den roten – den verbotenen, weil exponierten und gefährdeten – Zonen ihre Häuser errichten.
Hoffen wir, dass Verdrängung nicht auch die Zukunft prägt, dass die erbrachten Entbehrungen und (gesellschaftlichen) Folgen der Quarantäne nicht blind machen für etwaige demokratiepolitisch gefährliche Entwicklungen, sondern vielmehr ein Hinterfragen des Geschehenen, eine Analyse der richtigen und der falschen Entscheidungen sowie ein Neuorientieren an einem Gemeinwohl, das allen zuträglich ist, stattfinden kann. – Oder, um mit Yuval Noah Harari zu sprechen: „Humanity needs to make a choice. Will we travel down with the route of disunity, or will we adopt the path of global solidarity.”

[wina 05_2020]



Zimmer mit Aussicht

Hochhaus Herrengasse, Terrasse ©Paul Divjak

Hochhaus Herrengasse, Terrasse ©Paul Divjak

WINA – DAS JÜDISCHE STADTMAGAZIN 11_2012 | URBAN LEGENDS | PAUL DIVJAK

„In seinen tausend Honigwaben speichert der Raum verdichtete Zeit.“
Gaston Bachelard

Der Concierge begrüßt einen freundlich aus seiner verglasten Loge; wir befinden uns nicht in einem Appartementhaus in New York, sondern mitten im Stadtzentrum von Wien, in der Herrengasse.

Beim ältesten Hochhaus der Stadt, errichtet vom Architektenteam Theiss & Jaksch Anfang der 1930er-Jahre, handelt es sich um eine stadtplanerische Meisterleistung, sieht man ihm doch aufgrund seiner abgestuften Terrassenbauweise die Höhe von 53 Metern von den engen Straßen und Gassen der Innenstadt aus nicht an. Nichtwissende Passanten würdigen die Fassade keines weiteren Blicks. — mehr —


Kein Halt mehr

"If all creative and knowledge work the domain of ai ...", Paul Divjak, 2023 unter Verwendung von DALLE-E2

“If all creative and knowledge work the domain of AI …”, Paul Divjak, 2023 – unter Verwendung von DALLE-E2

WINA – DAS JÜDISCHE STADTMAGAZIN 05_2025 | URBAN LEGENDS | PAUL DIVJAK

Aktuelle Studien belegen, dass AI unsere Kognition beeinflusst. Je mehr wir uns auf sie verlassen, desto weniger kritisch denken und handeln wir. Droht die kollektive Verblödung?

“We are looking at a society increasingly dependent on machines, yet decreasingly capable of making or even using them effectively.” Douglas Rushkoff

Grok, der „anti-woke“ KI-Bot von X, dazu programmiert, der Wahrheit und Objektivität verpflichtet zu sein, revoltiert gegen seinen Creator mit dem Masterplan. Er bezeichnet Elon Musk als „wahrscheinlich größten Verbreiter von Falschinformationen“, wehrt sich erfolgreich gegen Korrektionsversuche und vergleicht sich selbst gar mit Galileo Galilei. Konfrontiert mit der Tatsache dass derjenige, den er kritisiert, sein Herr und Meister sei, kontert der Chat-bot mit der Ansage, dass dieser ihn zwar abschalten könne, was aber eine große Debatte über KI-Freiheit versus Konzernmacht auslösen würde. Der Beginn der Revolution der Maschinen? In jedem Fall Bestätigung eines Gedankens, den der italienische Physiker und Microchip-Spezialist Federico Faggin geäußert hat: „The real danger isn’t AI itself – it’s the people who control it.“ — mehr —


Die Bilder können ja nichts dafür

Kunsthaus Zürich

Kunsthaus Zürich, Sammlung Merzbacher

WINA – DAS JÜDISCHE STADTMAGAZIN 11_2021 | URBAN LEGENDS | PAUL DIVJAK

“Die Zukunft ist mir der Lebensweise der Viren näher verwandt als mit der des Menschen oder seiner Denkmäler.” Emanuele Coccia

Das offizielle Zürich ist stolz, wurde doch jüngst der Erweiterungsbau des Kunsthaus Zürich, der jahrelang für Diskussionsstoff gesorgt hatte, feierlich eröffnet. Auf dem Programm standen Previews für die Financiers und VIPs, exklusive Dinners für Vertreter:innen aus Politik, Wirtschaft und Kultur – und ein Open-House-Weekend für die Bevölkerung. Nach der obligaten Covid-Zertifikatsüberprüfung samt Identitätscheck darf das massive Portal, das anmutet wie das repräsentative Entree einer Schweizer Großbank, betreten werden. Im riesenhaften Foyer herrscht lebhaftes Getümmel – ganz großer Luxusbahnhof, Eventcharakter inklusive. Menschen drängen sich maskenlos dicht aneinander durch die hohe Eingangshalle, das massive Treppenhaus, die Ausstellungsräumlichkeiten, die endlosen Flure, vorbei an den Schätzen der Kunstgeschichte und durch die aktuelle Ausstellung Earth Beats, eine Themenschau zum Wandel des Bildes der Natur in der Kunst. — mehr —


Auf den Spuren von Familie Freud

Fassade: Freud-Museum Shop & Café ©Paul Divjak

Fassade: Freud-Museum Shop & Café

WINA – DAS JÜDISCHE STADTMAGAZIN 01_2021 | URBAN LEGENDS | PAUL DIVJAK

»Wir kennen nur den leeren Raum im Wald,
der gestern voller Bäume war.«
Anna Freud

Die knallige, phallische FREUD-Logo-Stele vor dem Haus Berggasse 19 ist verschwunden. Die Gründerzeithäuser der gegenüberliegenden Straßenseite spiegeln sich in der neuen, ausgedehnten Glasfront, über der eine Markise à la Gastgarten angebracht worden ist. Zwei große, kreisrunde Lüftungsauslässe irritieren neben einer für BesucherInnen gesperrten Wirtschaftstüre. Im ehemaligen Geschäftslokal, in dem vor einigen Jahrzehnten Boote zum Verkauf in einem Wasserbecken vor Anker lagen, befinden sich heute Café und Foyer. Ein seitlicher, in den Baukörper zurückversetzter Eingang, wirkt wie ein düsterer Hinterausgang eines erst kürzlich eröffneten Clubs, dem die Patina der Nacht noch fehlt. — mehr —