Love To Love You Baby

WINA – DAS JÜDISCHE STADTMAGAZIN 12_2012 | URBAN LEGENDS | PAUL DIVJAK

„And frankly there is nothing so unusual about being a Jewish cowboy!“
Socalled

Zum Zeichen ihrer Liebe hatten sich beide tätowieren lassen: Flo trägt nun Liavs Namen auf den Knöcheln der rechten Faust, Liav den von Flo.
Flo ist Schauspieler. Er liebt das Leben, Partys, Männer, bunten Fummel und die große Geste. – Das war schon immer so.

Flo und ich lernten uns Mitte der 1990er-Jahre kennen. Er gab damals eine Leiche. Da lag er, hübsch anzusehen – und: drehbuchgemäß erschossen; viel Fake-Blut inklusive. Ich war als Standfotograf für den Showdown angeheuert, kannte niemanden am Set und drückte auf den Auslöser.

Flo zwinkerte mir aus der Horizontalen zu, und wir gingen nach Drehschluss auf ein Bier. Wir mochten einander vom ersten Moment an. Wenn er Engagements in Wien hatte, wohnte er bei mir. Und ich konnte jederzeit bei ihm in Charlottenburg unterkommen.

Flo hatte seinen Vater sehr früh verloren. Aber nicht durch Scheidung, einen Herzinkfarkt oder Autounfall. Sein Vater hatte sich Anfang der 1980er-Jahre, in Geldnöten, von falschen Freunden dazu überreden lassen, als Drogenkurier von Westberlin nach Südamerika zu fliegen. Er wurde verhaftet und ist unter nicht näher geklärten Umständen in einem argentinischen Gefängnis gestorben.

Eine andere Tote scheint eben wieder lebendig geworden zu sein. Dort drüben sitzt Amy Winehouse. Das Haar, der Look, keine Frage: Die Kopie schlägt das Original. Die hier ist echter als die echte. Und größere Titten hat sie auch. Alles Teil einer Real-life-Performance. Neben Amy, die Dosenbier schlürft, sitzt Flo. In einer gelben Tunika mit grünen Punkten. Er trägt eine rote Sonnenbrille und neuerdings einen Vollbart. Der steht ihm gut. Auch Liav, sein Mann, trägt seine Gesichtsbehaarung lang. Dazu einen nerdy Trendklotz auf dem Nasenrücken, die unvermeidliche „Honecker- Gedächtnisbrille“, wie Flo sie nennt.

Später posen beide mit Ariel in einem Club; Tel-Aviv-Party-People. Ariel sieht aus wie ein übergewichtiger Ex-Mossad-Agent, Camouflage-Shirt, schwere Goldkette, kurz rasiertes Haar, Drei-Tage-Bart. Flos linker Arm samt rosafarbenen Fingernägeln ruht sanft auf der Schulter des sympathischen Kampfkolosses.

Ariel erzählt mir von der Hochzeit der beiden in New York und hält mir ein Foto hin, auf dem Liav, der eine schwarze Kippa trägt, sich von hinten an Flo schmiegt, dessen Haupt eine weiße schmückt. Ariel spricht strahlend von „gay orthodox realness“. Und jetzt check auch ich’s: Ariel muss Liavs Vater sein! Und: Er ist verdammt stolz auf seinen Sohn.

Zum Zeichen ihrer Liebe hatten sich beide tätowieren lassen: Flo trägt nun Liavs Namen auf den Knöcheln der rechten Faust, Liav den von Flo.

Alle tanzen. Eine Minipalme dreht automatische Runden auf dem Dancefloor. Die Männer bekennen Farbe, alles ist voller Streifen, Karos und grellen 70s- Tönen, sie zeigen Haut. Love to Love You Baby. Die Frauen lachen, nippen an ihren Drinks und machen Bewegungen à la Catwalk. – Ist das Leor dort drüben im Scheinwerferlicht? Sie ist attraktiv wie immer!

Liav wohnt nun seit ein paar Wochen bei Flo in Kreuzberg. Auf seinem Nachttisch liegen Antiobject von Kengo Kuma, Inside Architecture von Vittorio Gregotti und Slow Sex. The Art and Craft of the Fe- male Orgasm von Nicole Daedone. Er plant eine neue Performance; Flo wird wieder sein Protagonist sein. Lassen wir uns überraschen.

Die Tage sind grau in Berlin, Nieselregen. Nebel liegt über der Stadt. Liav tritt auf die Straße hinaus, zieht die Kapuze über den Kopf, lacht und hakt sich bei Flo ein: „Fuck that shit, I’m going home where it’s hot and wet.“

[wına | Dezember 2012]



Die Schönheit der Leere

Museum of Emptiness, St.GallenWINA – DAS JÜDISCHE STADTMAGAZIN 10_2016 | URBAN LEGENDS | PAUL DIVJAK

„There are moments in our lives, there are moments in a day, when we seem to see beyond the usual.“ Robert Henri („The Art Spirit“)

In St. Gallen hat die in Israel geborene und in der Schweiz lebende Künstlerin Gilgi Guggenheim dieser Tage ihr Museum der Leere eröffnet. Einen ganz speziellen Ort, der durch Abwesenheiten glänzt und dazu einlädt, die Fülle der Leere zu erleben. — mehr —


Zimmer mit Aussicht

Hochhaus Herrengasse, Terrasse ©Paul DivjakWINA – DAS JÜDISCHE STADTMAGAZIN 11_2012 | URBAN LEGENDS | PAUL DIVJAK

„In seinen tausend Honigwaben speichert der Raum verdichtete Zeit.“
Gaston Bachelard

Der Concierge begrüßt einen freundlich aus seiner verglasten Loge; wir befinden uns nicht in einem Appartementhaus in New York, sondern mitten im Stadtzentrum von Wien, in der Herrengasse.

Beim ältesten Hochhaus der Stadt, errichtet vom Architektenteam Theiss & Jaksch Anfang der 1930er-Jahre, handelt es sich um eine stadtplanerische Meisterleistung, sieht man ihm doch aufgrund seiner abgestuften Terrassenbauweise die Höhe von 53 Metern von den engen Straßen und Gassen der Innenstadt aus nicht an. Nichtwissende Passanten würdigen die Fassade keines weiteren Blicks. — mehr —


Abschied von Altausee

Altaussee ©Paul DivjakWINA – DAS JÜDISCHE STADTMAGAZIN 9_2012 | URBAN LEGENDS | PAUL DIVJAK

“Im Schweigen hinter uns
hören wir nicht mehr die fernferne
Frage vom Sommerhaus”
John Berger

Das Gewitter der letzten Stunden hat sich verzogen. Bodennebel liegt über dem See, der nun still vor uns liegt.

Auf einer Plätte, die sarggleich auf dem Wasser schwimmt, spielt eine Blasmusikkapelle melancholisch-heimatliche Weisen. Die Trachtenklänge in Moll legen sich über die Wasseroberfläche, dringen ans Ufer, dringen durch die Fenster der umliegenden Häuser, in die Ritzen der Vergangenheit.

Wir sitzen auf der Veranda, trinken Kaffee, lauschen dem unerwarteten Konzert; ringsum die alte Bergwelt. — mehr —


Das Rumoren der Archive

Zettelkasten (Literaturhaus Wien) ©Paul DivjakWINA – DAS JÜDISCHE STADTMAGAZIN 7+8_2015 | URBAN LEGENDS | PAUL DIVJAK

„Eine Gesellschaft, die sich eine offene und freie Zukunft wünscht, muss daher über eine Kultur verfügen, die nicht auf dem Verdrängen und Vergessen der Vergangenheit beruht …“ Mario Erdheim

Dem Vergessen und Verdrängen wird aktuell Erinnerungsarbeit entgegengesetzt. Archive werden geöffnet, das Material drängt ans Licht.

Bevor der Morzinplatz im Zuge einer Neugestaltung des Kais in naher Zukunft möglicherweise überplattet wird, „um Platz für Freizeitaktivitäten und Raum für künstlerische Gestaltung“ zu schaffen, und somit schon bald buchstäblich Gras über die immer noch klaffende Lücke gewachsen sein könnte, standen jüngst genau dort ausgedehnte Grabungsarbeiten am kollektiven Gedächtnis – oder besser am nationalen Konsensus (Susan Sontag) –, und die Auseinandersetzung mit vergessener und verdrängter Geschichte und dem allmählichen Wandel der Gedenkkultur auf dem Programm. — mehr —