Peter Kraus kauft sich eine Hose

Jeans als Wille und Vorstellung

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Divjak: Der All-time-Schwiegermutterliebling Peter Siegfried Krausnecker alias Peter “Rock ‘n’ Roll ist mein zweiter Vorname” Kraus tourt dieser Tage durch die Stadthallen und Kongresszentren der deutschsprachigen Groß- und Kleinstädte. Ob er dabei ab April irgendwo in der Unendlichkeit von Raum und Zeit auch den großen “50 Jahre ,Weiße Rosen’”-Tournee-Treck des ewig attraktiven hellenischen Brillenmodels Nana Mouskouri kreuzen wird, ist nicht bekannt.

In jedem Fall sind da zwei Fixgrößen der Unterhaltungsindustrie “on the road”, zwei frühe Massenkapazunder, die seit den 1950er-Jahren generationenübergreifend die Herzen ihrer Fans wahlweise zum Rocken oder zum Schmelzen bringen.

Peter Kraus hat seine Schlagerbildungsreise unter das Motto “Für immer in Jeans” gestellt.

Das klingt weniger nach ewigem Freiheitsversprechen denn nach ewiger Verdammnis. Für immer gefangen in einer Textilröhre, die einmal für jugendliche Rebellion stand und heute nicht mehr als ein konformes, mehr oder weniger komfortables Allerweltskleidungsstück ist: Das ist nun wirklich kein Spaß, mein Lieber! Wo sind eigentlich die Zeiten, in denen gesellschaftliche Gegenpositionen über Mode ausgedrückt wurden und widerständische Jugendkultur aus mehr bestanden hat als bloß vorfabrizierten, beliebig austauschbaren Diskonter-Accessoires?

Edlinger: Der neue Schwiegermutterliebling Grasser trägt auch gern Edeljeans zum Sakko, wenn er die nächste Vernehmung weggrinst. Man ist ja nicht nur supersauber, sondern auch locker und kein Parteiapparatschik. Oder Strache in der Disco oder Haider im Porsche. Oder George Bush auf seiner Ranch.

Jeans gibt es von fünf bis 5000 Euro, in Hipster-Röhrenform und als unendliche Weite des Baumwollraums, mit eingebauten Rissen, applizierten Blutdiamanten und sicher auch bald als Handy-App. Hip-Hopper wie Black Lion rappen sogar schon über “Baggy Jeans Nazis”. Will sagen: Jeans sind das unsignifikanteste Kleidungsstück der Welt, das höchstens eines attestieren soll: eine geerdete Lässigkeit und das Gefühl, dass man in jeder Situation auch ein bissl auf Freizeitmodus schalten kann – auch wenn die ehemalige Arbeitshose der Goldgräber damals absolut nichts mit Freizeit zu tun hatte.

Heute klebt immer noch der Geruch vom Schweiß der US- Pioniere dran, und das gilt als sexy. Insofern sind die Jeans das perfekte Teil für eine Welt, in der man in seiner Freizeit an sich arbeitet und seine Arbeit so verrichtet, als wäre sie Freizeit. Der Einzige, der da nicht mitmachen will und gegen alle Verwirrung der Mode im Zeichen des uniformen Baumwollbeinkleids auf alte Werte der Distinktion besteht, ist der letzte konservative Rebell im Anzug: Niko Pelinka.

[DER STANDARD/ALBUM - Printausgabe, 25./26. Februar 2012]



Jenseits des Frustprinzips

Rauchzeichen und Passivbelastung

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Edlinger: Herr Divjak, nicht nur die Chinesen hatten ihre Kulturrevolution. Bei uns Europäern kann es auch recht rabiat zugehen. Es ist noch gar nicht so lange her, da durfte Rauchen sogar noch Spaß machen. Da wurden die Junkies noch nicht zur Volksbelustigung in abzugsfreien Räucherkammern geselcht und durften den harten Stoff einfach so in Trafiken erwerben.

Analog zum Mao-Look diskutiert man jetzt endlich auch die von Philipp Morris in Australien schon beklagte Zigaretten-Einheitspackung mit staatlich geprüfter Totenschädelgrafik und ein generelles Rauchverbot in Autos, damit die Klimaanlage nicht am Ende noch passivrauchen muss. Aber am skurrilsten ist die neue Sicherheitszigarette, bei der man anziehen muss wie böse, damit sie nicht ausgeht. — mehr —


Gnadenloser Protest

Widerstand in Zeiten der Castingshows

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Edlinger: Während die Occupy-Bewegung sogar schon einen Ableger in Nigeria hat und man in Lagos geplante Kunstausstellungen kurzerhand in Protestveranstaltungen umwidmet, weht bei uns ein anderer Wind. Im Wiener Rabenhof wird es am Sonntag wieder einmal “gnadenlos”, schließlich protestiert man “um den Sieg”, was sicher auch gnadenlos ironisch gemeint ist.

Jetzt will ich ja den einzelnen Bands ihr Engagement nicht absprechen, aber ein seltsamer Spagat zwischen Anspruch und Augenzwinkern ist das schon. Oder ist die Ästhetik des Popwiderstands heute so in der Krise, dass sie auch als Party mit Ironiefaktor rüberkommen muss, damit man etwas hört? — mehr —


Express yourself!

Der wahre Skandal um Madonna

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Edlinger: Es war ärger als Nipplegate, und trotzdem hat sich bis heute keiner aufgeregt. Nicht alles war perfekt bei der Leistungsschau des Madonna-Pop von 2012 in Indianapolis. Wenn man sich das “Junge-Römer-und-alte-Kutten-treffen-Lack-und-Leder-Cleopatra-aus-dem-Jahr-2012-vor-Christi”-Musicalfurioso auf Youtube ansieht, bemerkt man bei ca. sechs Minuten Ungeheuerliches: Ein Bein von Madonna streckt sich in die Luft.

Es kreist, zuckt und schüttelt sich. Ich glaube, es verlangt nach oder bettelt um Ergreifung durch den zuständigen Tanzbediensteten, doch der ist offenbar kurz neben sich. Das Madonna-Bein muss also nach einer gefühlten Ewigkeit von einer Sekunde unverrichteter Dinge wieder am Boden landen. Von wegen “Express yourself”! Für jemanden wie Madonna, die bekanntlich Kindermädchen schon aus viel geringeren Gründen geteert und gefedert hat, ist so etwas wahrscheinlich fast so schlimm wie die Ahnung einer ersten Gesichtsfalte mit 75. — mehr —


Kunst kommt von Kaufen

Die Subversion von Angebot und Nachfrage

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Edlinger: Herr Divjak, ich glaube, niemand lebt so gut von der Kunstmarktkritik wie die selbst am Kunstmarkt gut vertretenen Künstler, die Kunstmarktkritik betreiben. Diese Woche hat zum Beispiel Heimo Zobernig ein T-Shirt mit dem silbernen Aufdruck Sale veredelt und im neuen 21er-Haus als Serienprodukt herausgebracht. Die auf 100 Stück limitierten blauen Leiberln kosteten am Tag der Präsentation statt der für die Edition veranschlagten 100 Euro nur – bzw. immer noch – 50 Euro.

Die Verknappung kurbelt im Allgemeinen die Nachfrage an; weil hier aber nicht nur Mode mit Kunst-Appeal, sondern auch die Subversion der Idee des Verkaufs verkauft werden soll, wird ebendieser Mechanismus der Nachfrageankurbelung durch Exklusivitätserzeugung zugleich ironisch kommentiert. — mehr —