Sie sind Modelle

 WERK, BAUEN + WOHNEN 8_2008 | KOLUMNE | PAUL DIVJAK

Imposant stehen sie da, Erscheinungsform 1A. Sie sind auf Eindruck bedacht, ihre Masse sind perfekt. Auch im Zeitalter des Computerdesigns gibt es sie noch, und sie verstehen zu überzeugen, wie eh und je. Proper und perfekt gebaut sind sie, international präsent.

Sie sind die Ersten, sie sind die Vorhut. Da wo sie sind, nimmt alles seinen Lauf. Sie stehen im Rampenlicht, sie markieren den Unterschied. Wenn sie die Blicke auf sich ziehen, wird Geschichte gemacht. Mit ihnen geht es voran, wird Grösseres konkret. Sie sorgen für Diskussion, erzeugen Vorstellungen von möglicher Realität, sie definieren den Kanon.

Sie akkumulieren Interessen, ihre Inhalte sind ideologisch definierte Projektionsflächen. Blickwinkel und Lesarten formen ihre Hüllen.

Sie verkörpern ein Ideal, auf sie wird vertraut. Auf ihre Überzeugungskraft kann man zählen, auf sie wird gebaut.

Sie sind altbewährt und Repräsentation ist ihnen selbstverständlich. Im rechten Licht und mit der entscheidenden Haltung betrachtet, stellen sie Konkurrenten mühelos in den Schatten.

Zieht euch lieber warm an, sie bestehen auch im Windkanal. Simulieren ist kein Problem für sie. Sie können sich ändern, wenn sie wollen, sind ebenso anpassungsfähig und affirmativ, wie sie Widerstand leisten können.

Sie bekräftigen den Status Quo und brechen aus. Sie wiederholen und variieren, zitieren und persiflieren. Sie eröffnen Perspektiven und verhandeln Visionen.

Nicht von Arbeitshilfen ist hier die Rede. Papier und Pappe, Papperlapapp. Auch ein Entwurf läuft unter ferner liefen, bleibt zumeist als Zwischenstufe unbekannt. Und über den Ausschuss wollen wir kein Wort verlieren. Die Abgelehnten, Zurückgebliebenen, die Nie-Verwirklichten? – Seien wir ehrlich, wen interessieren die schon?

Nein, die Rede ist vom Topsegment, den Superstars unter den Modellen. Performance ist ihr Alltag. Der Wettbewerb, die Pflicht. Ohne die geht es natürlich nicht. Die Präsentation, das ist ihre Kür. Hier fahren sie zu Höchstleistungen auf und sorgen für die entscheidenden Ah´s und Oh´s. Kein Wunder, verstehen sie es doch formschön zu glänzen und beeindrucken.

Was darf´s denn sein? Ein Firmensitz? Ein Wohnhaus, Kino oder Museum? Vielleicht ein Bahnhof? Oder doch lieber eine neue Elite-Uni? – Alles ist möglich, nichts ein Problem. Sie sind für uns da, bringen Funktionalität und Form auf einen Nenner. Sie gewinnen und überzeugen. Sie punkten und räumen ab. Sie versäumen keine Chance, lassen nichts aus und bringen den Auftrag ganz sicher ins Haus.

Ein wenig Karton und Papier, hier. Kork, Platten und Hölzer, dort. Metall und Glas, Kunststoff und Gips. Dazu das nötige Know-how, eine Prise Kreativität symbolisches Kapital, nicht zu knapp, und schon nehmen sie Gestalt an und geben ihre Linien, Kurven und Kanten, Flächen, Formen und Körper zur Ansicht preis.

Ihr Job ist es, zu überzeugen – Entscheidungsträger wie Auftraggeber. Und darin sind sie gut. Sie sind die Visualisierung einer einmaligen Konstruktion in spe. Ihre primäre Aufgabe demnach: der Verkauf eines Konzepts, einer Idee.

Sie sind die Grundlage des Kommenden, sie generieren Vorschussvertrauen in kulturelle Leistungen. Bevor Fassaden entstehen und Umwelt gestaltet wird, sind sie zur Stelle. Massstabgerecht setzen sie Grenzen, wo das Innen auf das Aussen trifft. Sie sorgen für die richtigen Verhältnisse, sie stellen dar.

Und sind sie auch noch so klein, so kommen sie doch ganz gross raus.

Sie sind Modelle und sie sehen gut aus.

[In: werk, bauen + wohnen, 8.2008]



Die Kulissen Leben

Palace Hotel, St.Moritz ©Paul DivjakWERK, BAUEN + WOHNEN 6_2008 | KOLUMNE | PAUL DIVJAK

Wenn einem beim Spaziergang entlang eines glasklaren Baches in den Schweizer Alpen nicht seltene Wiesenblumen, sondern unvermittelt Golfbälle unterkommen, dann kann auch St. Moritz nicht mehr weit sein.

Ich nehme die Rolltreppe hinauf, direkt ins Zentrum der Gemeinde. Noch ein paar Schritte und das Portal des Palace Hotels gerät ins Blickfeld.

Verabredet zum Abendessen mit Freunden, bin ich mit meinen Gedanken ein paar Tausend Kilometer weit entfernt, in der Wüste, an einem möglichen Drehort, um genauer zu sein, und so öffne ich eine falsche Türe. – Mit einem Mal stehe ich im Wirtschaftstrakt des Hotels. Keine Vergoldungen, keine Verzierungen, keine schweren Vorhänge: ein karger Gang, schon länger nicht mehr ausgemalt, einfach beleuchtet; abgeschlagene Türen und rundum sichtbare Reduktion auf das Notwendigste. Fern sind die holzvertäfelten Decken, die hohen Säle, weitläufigen Räume und überbordenden Interieurs. Das koloniale Mobiliar, der historisierende Pomp, sämtliche Accessoires, die Exklusivität verheissen – jegliche Inszenierung des Mondänen: all das ist hier verschwunden. — mehr —


Über die Dörfer

©Paul DivjakWERK, BAUEN + WOHNEN | KOLUMNE | PAUL DIVJAK

Aus Heuersdorf, südlich von Leipzig gelegen, hatte man im Herbst 2007 die mittelalterliche Emmauskirche abtransportiert. Mit Hilfe eines Schwertransporters wurde das Gotteshaus in einen zwölf Kilometer entfernten Nachbarort verfrachtet. Die über 750 Jahre alte Kirche musste dem Braunkohleabbau weichen. Im Interesse der Allgemeinheit hatte der Verfassungsgerichtshof die Zerstörung von Heuersdorf genehmigt. Durch die Jahrhunderte von Zivilisation bestimmte dörfliche Struktur wurde zum Abbruch freigegeben, die Bevölkerung umgesiedelt. Bauernhöfe, Wohnhäuser, das Gemeindezentrum und der Friedhof werden in absehbarer Zeit verschwunden sein. Dann wird nichts mehr an die einstige Ortschaft erinnern. Und monströse Maschinen dominieren das Bild einer kargen Wüstenlandschaft. Ein Foto, das ein Hobbyfotograf im September des vergangenen Jahres in Heuersdorf aufgenommen hatte, zeigt das Detail eine Telefonzelle der Deutschen Telekom, an einer verwaisten Dorfstrasse. Auf dem Display des Apparates steht: «Entschuldigung – Nur Notruf möglich.» — mehr —


Bonjour Tristesse

WERK, BAUEN + WOHNEN | KOLUMNE | PAUL DIVJAK

Die Temperaturen sind längst gefallen, die Stadt hat dicht gemacht. Sommerliche Veranstaltungsorte entlang des Wiener Donaukanals liegen brach. Die Gastgärten und Strand-Settings der so genannten Eventgastronomie bleiben unbelebt, wirken wie fluchtartig verlassen, präsentieren sich als verödetes Bauland.
Das Freiluftbecken des Badeschiffes ist leer gepumpt, und selbst die sonst grell orange leuchtende Wellblechummantelung, deren gesamte Länge die Logos einer Direktbank zieren wie blinde Bullaugen, wirkt ungewohnt ausgewaschen. Lediglich aus dem Rumpf hört man spätabends dumpfe Klänge. Die Menschen haben sich in den Bauch des Schiffes zurückgezogen.

Stühle lagern hinter schmutzigen Containern. Gestapelt zu hohen Türmen erinnern sie an eine ausgemusterte Kolonie der Hochsitze von Tennisschiedsrichtern. Bambustische und anderes Mobiliar liegt verstreut hinter einfach gezimmerten Holzwänden.
Ein zu einer Grillstation umfunktioniertes aufgeschnittenes Ölfass lässt an Zeiten denken, in denen hier Fisch gegrillt und gesalzen, mit etwas Zitrone beträufelt serviert wurde. Die Ratten, die sich für gewöhnlich an diesem Ort tummeln, gehen jetzt leer aus, sie müssen anderswo nach Nahrung suchen.
Baumaschinenlärm hüben wie drüben. Hier entsteht eine neue Landungsbrücke für den Twin City Liner, die direkte Wasserverbindung von Wien nach Bratislava. — mehr —


In der grauen Lagune

Mustersiedlung 9=12

Mustersiedlung 9=12   Foto: ©Pez Hejduk

WERK, BAUEN + WOHNEN | KOLUMNE | PAUL DIVJAK

Unterwegs mit dem Autobus nehmen wir zunächst einen kleinen Umweg durch das Weltall. Vorbei am Uranusweg, dem Mond-, und Juppiterweg geht es dann hinunter, direkt in Richtung eines kleinen irdischen Sumpfgebiets, das Jim Jarmusch zu «Down by Law» inspiriert haben könnte. Natürlich en miniature, alles viel kleiner hier, als drüben in Louisiana. Wir sind hier ja schliesslich in Österreich. In Hadersdorf, am Stadtrand von Wien, um genauer zu sein.

Kleiner, und viel lebensnaher als auf Fotografien, ist auch die «innovative Villenkolonie» (PR-Text), die enigmatische Mustersiedlung 9=12. Von Alfred Krischanitz initiiert, von insgesamt neun namhaften Architekten realisiert, der Betonindustrie ausstaffiert, und direkt am Friedhofsweg gelegen. Die Toten ruhen in unmittelbarer Nähe: sie machen keinen Lärm mehr. Das plötzlich einsetzende Getöse kommt von der nahegelegenen Westbahn. Exakt 9 Uhr 49. – Das muss der EuroCity nach Basel sein. — mehr —