Abschied von Altausee

Altaussee ©Paul DivjakWINA – DAS JÜDISCHE STADTMAGAZIN 9_2012 | URBAN LEGENDS | PAUL DIVJAK

“Im Schweigen hinter uns
hören wir nicht mehr die fernferne
Frage vom Sommerhaus”
John Berger

Das Gewitter der letzten Stunden hat sich verzogen. Bodennebel liegt über dem See, der nun still vor uns liegt.

Auf einer Plätte, die sarggleich auf dem Wasser schwimmt, spielt eine Blasmusikkapelle melancholisch-heimatliche Weisen. Die Trachtenklänge in Moll legen sich über die Wasseroberfläche, dringen ans Ufer, dringen durch die Fenster der umliegenden Häuser, in die Ritzen der Vergangenheit.

Wir sitzen auf der Veranda, trinken Kaffee, lauschen dem unerwarteten Konzert; ringsum die alte Bergwelt.

Abends laufen wir eine Runde um den See und durch den Wald. Der bekannte Anwalt, dem wir bei der Rückkehr zufällig begegnet sind, äußert unverhohlen Respekt. Ihn scheint angesichts unseres Bewegungsdranges das schlechte Gewissen gepackt zu haben. Tags darauf jedenfalls treffen wir ihn schon frühmorgens in der Konditorei des Ortes an: beim Marillenkuchenessen – in voller Joggingmontur.

Wir verbringen die Tage unter anderem auf den Spuren des Schriftstellers Raoul Auernheimer, eines Neffen von Theodor Herzl. Der studierte Jurist Auernheimer, der stets im Schatten der ruhmreicheren Wiener Literaten der Wiener Moderne gestanden und heute nahezu vergessen ist, verbrachte, sowie viele seiner Kollegen und Freunde seine Sommer an seinem Zweitwohnsitz in Altaussee.

„Hier ist sogar das Älterwerden ein Vergnügen“, schrieb Auernheimer in einem seiner Gedichte. Die Möglichkeit, seine letzten Lebensjahre in seinem Idyll des steirischen Salzkammergutes verbringen zu können, wurde ihm jedoch gewaltsam genommen. Auernheimer wurde 1938 verhaftet und nach Dachau deportiert. Mit Hilfe von Freunden konnte er nach fünf Monaten Gefangenschaft in die USA emigrieren, wo unter anderem auch für die Filmindustrie tätig war und im Jahr 1948 verstarb.

Die kindliche Neugier führt uns in die „Salzwelten Altaussee“, direkt hinein in die verstaubten Multimedia-Szenografien des „Bergs der Schätze“.

„Während des zweiten Weltkrieges wurden in diesen Stollen Kunstwerke von unschätzbarem Wert gelagert, darunter Werke von Michelangelo, Dürer, Rubens und Vermeer“, heißt es auf der offiziellen Homepage des Schaubergwerks. Was folgt, ist eine Hinweis auf das mutige Einschreiten der Kumpels bei der Rettung der Schätze im April 1945. Das war´s dann auch schon in Sachen Geschichtsvermittlung. Was bleibt, ist ein narratives Ablenkungsmanöver mit klingenden Namen.

Wie man hört, nimmt sich aber ja zum Glück gerade George Clooney der historischen Ereignisse in und um jene Stollen an – im Mittelpunkt: die NS-Raubkunst. Von Clooney ist man als Privatmensch, Filmemacher und Schauspieler soziales und politisches Engagement gewohnt. Lassen wir uns also überraschen, wie es der Profi aus Hollywood mit den Fakten hält, in welcher Form er der (Film-)Welt österreichische Zeitgeschichte erzählen wird.

Bei der Abreise aus dem pittoresken Ferienort lernen wir dann an der Bushaltestelle eine alte Dame aus Australien kennen. Bunt gekleidet und farbenfroh geschminkt, erzählt sie auf der gemeinsamen Fahrt per Bus und Bahn, dass sie die Sommer ihrer Kindheit in Altaussee verbracht habe und schon jahrzehntelang in Sidney lebe. Nun sei sie, nach dem kürzlichen Tod ihres Mannes, zurückgekommen, um das ehemalige Haus ihrer Großmutter noch einmal zu sehen.

Die Dame erwähnt die blühenden Zitronenbäume in ihrem Garten in der Ferne, verabschiedet sich dann lächelnd und marschiert in ihren hellen Turnschuhen fluchs zu den Ausstiegstüren.

„You made my day!“, ruft sie uns zu, bevor sie auf dem Perron im Getümmel der Reisenden verschwindet.

[wına | September 2012]



Spuren der Vergegenwärtigung

Antlantik ©Paul DivjakWINA – DAS JÜDISCHE STADTMAGAZIN 10_2012 | URBAN LEGENDS | PAUL DIVJAK

“In der Spur werden wir der Sache habhaft;
in der Aura bemächtigt sie sich unser.”
Walter Benjamin

Von Puig del Mas aus erstreckt sich die Route, die seit 2007 offiziell Walter-Benjamin-Weg genannt wird – Chemin Walter Benjamin auf der französischen, Ruta Walter Benjamin auf der spanischen Seite.

Entlang eines kleinen Flüsschens ginge es von Banyuls-sur-Mer, Richtung Puig del Mas, wo sie die obere Abzweigung genommen hätten. Über einen kleinen Parkplatz, vorbei an Einfamilienhäusern, führe der Weg in die Berge, sagt mein Freund Aaron.

Walter Benjamin sei auf seiner Flucht vor den Nazis langsam unterwegs gewesen, sehr langsam. Der 48-jährige, herzkranke Mann, von seiner Gefangenschaft und dem Exil gezeichnet, habe den beschwerlichen Weg im französisch-spanischen Grenzland mit einer schweren Aktentasche aus Leder zurückgelegt, erzählt Aaron. Diese Tasche sei sein Ein-und-alles gewesen, in ihr habe er ein Manuskript aufbewahrt, das er für wichtiger als sein Leben erachtet habe. — mehr —


Die Schönheit der Leere

Museum of Emptiness, St.GallenWINA – DAS JÜDISCHE STADTMAGAZIN 10_2016 | URBAN LEGENDS | PAUL DIVJAK

„There are moments in our lives, there are moments in a day, when we seem to see beyond the usual.“ Robert Henri („The Art Spirit“)

In St. Gallen hat die in Israel geborene und in der Schweiz lebende Künstlerin Gilgi Guggenheim dieser Tage ihr Museum der Leere eröffnet. Einen ganz speziellen Ort, der durch Abwesenheiten glänzt und dazu einlädt, die Fülle der Leere zu erleben. — mehr —


Destination Wien 2015

Wien; Heldenplatz (2013) ©Paul DivjakWINA – DAS JÜDISCHE STADTMAGAZIN 5_2015 | URBAN LEGENDS | PAUL DIVJAK

Wien scheint immer noch unter einer Glocke der denkmalgeschützten Historie zu schlummern. – Bisweilen aber erschließen sich auch in der Erinnerungskultur erweiterte, neue Perspektiven.

Die Tage rumorte es wieder einmal im Archiv; das Video Heldenplatz, 1973 kursierte im Netz, zog seine Spur durch die sozialen Plattformen. Zum Vorschein kam eine nur auf den ersten Blick unscheinbare ORF-Interviewserie, entstanden Anfang der Neunzehnsiebzigerjahre auf dem Wiener Heldenplatz. Was sich als alpenländische Tableaux Vivants vor dem Hintergrund des historischen Ortes auftat, hätte prototypische Alltagsfaschismusfolie für Qualtingers „Herrn Karl“ oder Thomas Bernhards 1989 uraufgeführtes gleichnamiges Theaterstück sein können. — mehr —


Was für ein Anachronismus!

WINA – DAS JÜDISCHE STADTMAGAZIN 03_2018 | URBAN LEGENDS | PAUL DIVJAK

„Der Nationalismus ist eine Ideologie, die einen Feind braucht; er kann ohne ein anderes, gegen das er sich stellt, nicht existieren, wer oder was auch immer dieses andere sein mag.“ Slavenka Drakulic

Die mediale Landschaft wird aktuell von politischer Seite mit groben Werkzeugen bearbeitet, radikalisierte Rückgriffe und sprachliche Übergriffe garantieren Aufmerksamkeitseffekte und das erwünschte Agenda-Setting.

Was aktuell Form angenommen hat, ist ein offener Kampf um die Konstruktion der Deutungshoheit. Rechtspopulistische und extreme Schachzüge, die auf unsere bewusste und unbewusste Sicht auf die Wirklichkeit einwirken, versuchen, Alltag und Staat nach einem bestimmten Wertemuster zu organisieren. Und es ist keine Frage: Das ihnen zugrundeliegende Modell ist ein ewig gestriges. — mehr —