Woran werden wir uns erinnern?

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WINA – DAS JÜDISCHE STADTMAGAZIN 05_2026 | URBAN LEGENDS | PAUL DIVJAK

„I’m interested in what we believe, why we believe it, and how technology has shaped those beliefs.“
(Shira Chess)

Die aktuelle Ausstellung im Jüdischen Museum Wien Alles vergessen, realisiert in Kooperation mit dem Jüdischen Museum Hohenems, widmet sich dem Thema des individuellen und kollektiven Vergessens wie des Erinnerns. Anhand von Objekten – Dokumenten, Artefakten und künstlerischen Interventionen – wird der Frage der Manifestation von Vergessen nachgegangen, wie es passiert, konstruiert und verordnet wird – und was sich darin einschreibt. Es geht um Verdrängung, Verlust, Überschreibung und Auslöschung von Erinnerung, das Sichtbarmachen von Lücken und Ambivalenzen – und von dahinterstehenden (Macht)Mechanismen.

Die kulturhistorisch-phänomenologische Bestandsaufnahme, die Vergangenheit und Gegenwart von Formen des Vergessens denkt und zur Diskussion stellt, wurde am Internationalen Holocaust-Gedenktag eröffnet. Dies ist als bewusstes Zeichen zu lesen, das unter anderem die Aufmerksamkeit auch darauf lenkt, dass Gedenk- und Erinnerungskultur sich – abgesehen von Verleugnung und Verdrängung – mit einer weiteren massiven Herausforderung konfrontiert sieht: dem zunehmenden Überschreiben und Neuschreiben von Geschichte mittels gefälschter, vorgeblich zeithistorischer Dokumente. Fake-Fotografien und -Filmmaterial aus der NS-Zeit, vermeintliche Szenen aus Konzentrationslagern, KI-generiert, fluten das Netz.

Was ist tatsächlich eine Originalquelle? Worauf können unsere Augen und Ohren bei Medieninhalten noch vertrauen? Woran können wir uns anhand von Desinformation und Deepfakes – auch in Bezug auf ein übergeordnetes Narrativ – orientieren? Was wirkt auf uns ein? Und welche Geschichte(n) prägen wir?

2025 haben Google und andere Suchmaschinen den KIModus eingeführt. Seitdem ist ein zunehmendes Verschwinden von Primärquellen, bei gleichzeitiger Bricolage von im Netz auffindbarer Daten zu beobachten. Die Suchalgorithmen vernetzen Datenpunkte, vermengen relevantes Wissen mit parasitären Gemengelagen, Nonsense und Stereotypen, maschinengenerierte Halluzinationen inklusive; das Resultat sind akkumulierte Faktenkonglomerate, das Ausufern von Referenzen mit flexiblem Wahrheitsgehalt. Historisch Verbrieftes, Daten diverser Forschungsfelder, menschlich und maschinell Generiertes, Fakten und Fiktionen erfahren via Graphen die Verschmelzung zu unfassbaren Potenzialitäten. Zunehmend wird es schwieriger, die Seriosität von Quellen zu verifizieren. Altbewährte Orientierungsstrukturen („Leitmedien“, Journale, Bibliotheken, Archive etc.) greifen nicht mehr, neue haben sich noch nicht ausgebildet. Wir schwimmen im Fluss der digitalen Überkomplexität, befinden uns inmitten einer historischen Übergangszeit des algorithmusdefinierten Virtuellen.

Vor dem Hintergrund der Bedeutung von KI in unserem Alltag (auch dort, wo wir KI-Systeme gar nicht mehr als solche wahrnehmen) und der schieren Menge der zurzeit den Markt flutenden neuer KI-Apps lässt sich feststellen, dass sich Diskussionen zum Thema zumeist auf die Consumer- Anwendungen für Text, Bild/Video, Audio (ChatGPT, Midjourney, Suno etc.) und persönliche Erfahrungen mit generativen LLMs (Large Language Models) beziehen und dass selbst im akademischen Kontext der Diskurs zum Thema KI als Forschungsfeld und Schlüsseltechnologie oftmals unscharf bleibt und sich in einem Pro (u. a. in Bezug auf Kreativität, Effizienz, Innovation, Lösung globaler Probleme) und Kontra (u. a. hinsichtlich Arbeitsmarkt, Ressourcen, ethischen Frage, Copyright, Sicherheit) erschöpft.

Shira Chess, außerordentliche Professorin für Unterhaltungs- und Medienwissenschaften an der University of Georgia, stellt in Bezug auf KI und Mythenbildung fest, dass die Vorstellung, etwas Schreckliches/Wunderbares werde heraufbeschworen, das uns alle vernichten/retten wird, tief in den Horror-, Fantasy- und Science-Fiction-Werken verwurzelt ist, die die Tech-Elite seit dem 20. Jahrhundert konsumiert. Und an anderer Stelle fügt sie an: „Isn’t it weird that all of these tech bros that have been playing video games for most of their lives suddenly think they are all playing one at a cosmic level?“

Niemand kann voraussehen, wie KI und in weiterer Folge AGI (Allgemeine Künstliche Intelligenz) sich entwickeln werden. Wesentlich aber ist, in wessen Händen sich die Macht über die Daten und Algorithmen befindet, in welchem Interesse und mit welchen Zielsetzungen – und mit welchen planetaren Auswirkungen – technisch Machbares in der radikalsten Technologie(r)evolution der Geschichte implementiert wird.

[wina - 05.2026]



Was bleibt sind die Dinge

Shadows & Reflections / tulipsWINA – DAS JÜDISCHE STADTMAGAZIN 12–2019 + 01_2020 | URBAN LEGENDS | PAUL DIVJAK

„Aufhäufen des Vergangenen auf Vergangenes geht ohne Unterbrechung fort, folgt uns jeden Augenblick.“ Henri Bergson

Am medialen Horizont: die tägliche Überdosis News aus der Welt, in der wir leben. Multipler Krisendauerausnahmezustand, ideologische Verblendungen und Polit-Backlash inklusive. Und der private Alltag geht weiter, im Überschaubaren trotz katastrophaler Schieflagen: Konsum mit mehr oder weniger gutem Gewissen und Kritik an den herrschenden Verhältnissen. — mehr —


Die Stille zwischen den Zeilen

WINA – DAS JÜDISCHE STADTMAGAZIN 07+08_2018 | URBAN LEGENDS | PAUL DIVJAK

„Vienna never left my heart“ (Ruth Weiss)

Wir sitzen in einem Innenstadtcafé, mein Freund, der Literat, und ich. Am Nebentisch gibt der französische Soziologe und Philosoph Didier Eribon, der mit seinen Memoiren Rückkehr nach Reims, Roman und soziologische Studie gleichermaßen, aktuell länderübergreifend Erfolge feiert, eben ein Interview. („Was schwierig war, war nicht die Homosexualität, sondern vielmehr die Tatsache, aus dem Arbeitermilieu zu kommen“, sagt er.)
Eribon ist mit Mitte 60, im besten Alter, die Aufmerksamkeit und Anerkennung, die ihm zukommt, die Aufnahme seines Werks in den Gegenwartskanon zu genießen. — mehr —


Das, was noch nicht ist

Illustration ©Paul Divjak

Illustration ©Paul Divjak

WINA – DAS JÜDISCHE STADTMAGAZIN 10_2024 | URBAN LEGENDS | PAUL DIVJAK

Texte wie diese entstehen Wochen, bevor sie gedruckt und gelesen werden. Das, was geschehen wird, ist noch nicht passiert.

„Wir können nicht für die Welt verantwortlich sein, die unseren Geist erschaffen hat, aber wir können Verantwortung für den Geist übernehmen, mit dem wir unsere Welt erschaffen.“ (Gabor Maté)

Tagesaktuelle Ereignisse, nationales und internationales Geschehen ist nicht absehbar und lässt sich somit auch nicht beziehungsweise nur sehr schwer verhandeln. Gedanken und Reflexionen können entweder dem persönlichen Erleben entspringen, essayistische Form annehmen oder allgemeiner, abstrakter formuliert werden, als (systemische) Gegenwartsanalysen größere Zusammenhänge beschreiben, längerfristige Zustände und Entwicklungen aufgreifen. — mehr —


Love To Love You Baby

WINA – DAS JÜDISCHE STADTMAGAZIN 12_2012 | URBAN LEGENDS | PAUL DIVJAK

„And frankly there is nothing so unusual about being a Jewish cowboy!“
Socalled

Zum Zeichen ihrer Liebe hatten sich beide tätowieren lassen: Flo trägt nun Liavs Namen auf den Knöcheln der rechten Faust, Liav den von Flo.
Flo ist Schauspieler. Er liebt das Leben, Partys, Männer, bunten Fummel und die große Geste. – Das war schon immer so.

Flo und ich lernten uns Mitte der 1990er-Jahre kennen. Er gab damals eine Leiche. Da lag er, hübsch anzusehen – und: drehbuchgemäß erschossen; viel Fake-Blut inklusive. Ich war als Standfotograf für den Showdown angeheuert, kannte niemanden am Set und drückte auf den Auslöser. — mehr —