Zwischen Provokation und Tradition

Rose of Nothingness ©Paul Divjak

Rose of Nothingness ©Paul Divjak

WINA – DAS JÜDISCHE STADTMAGAZIN 07_2026 | URBAN LEGENDS | PAUL DIVJAK

„Schwarze Milch der Frühe wir trinken sie
abends / wir trinken sie mittags und morgens
wir trinken sie nachts.“
Paul Celan (Todesfuge)

„O Tempora, o mores“ prangt auf der Glocke, die vom Felbermayr- Kran vor dem österreichischen Pavillon hängt; und Cicero als Leitmotiv mit humanistischem Augenzwinkern. Ergänzend wird die christliche Ikonografie auf dem tönenden Bronzeobjekt feministisch umgedeutet: Eine Frau in Jesus-Pose, umgeben von Frauen an der langen Tafel; geballte Frauenpower, Kulturarbeiterinnen beim Abendmahl. Das gibt die Lesart vor. Was folgt, ist der Eröffnungsreigen im Regen; Vogelzwitschern, Jasminduft liegt in der Luft, die Menschenmenge versinkt im Meer der Parapluies. Die Wasserfront vom Himmel kommt und geht, Schirme werden in rhythmischen Wellenbewegungen aufgespannt und wieder geschlossen, nehmen sie doch die freie Sicht auf das Spektakel.Die Performerin Florentina Holzinger und ihre Schwestern der Bewegung sind gestärkt, hochtrainiert und hochmotiviert. Sie wechseln ihre Einsatzpositionen, tauchen ein in den Ozean der Zeichen. Mal geben sie den verkehrt hängenden menschlichen Klöppel in der Glocke vor dem Pavillon à la Flatz, um wenig später im Wasserbecken mit Jetski, dem Hochmast der Akrobatik, der Tauchvitrine der Entschleunigung und Kontemplation oder dem Kläranlagensetting im Pavillon aufzutauchen. Was sich vor unseren Augen entfaltet, sind poetische Choreografien des Dystopischen, ein lustvoll-intensives Performance-Purgatorium, das nichts weniger verhandeln will als aus dem Lot geratene Gegenwart.

Es dröhnt der Motor des Wasserfahrzeugs, mit dem eine der Performerinnen ihre Runden durch das Becken im Inneren des Hoffmann’schen Nationalpavillons zieht. Abgase hängen in der Atemluft. Besucher:innen sind zur Harnspende in mobilen Toiletten eingeladen, das geklärte Wasser wird, so die Narration, unmittelbar der Aktion zugeführt. Es wird gepinkelt, gespritzt, geklettert, geposed. Nackte Frauen winden sich neben lebensgroßen Skulpturen bis zum Ende der Fahnenstange auf allen Ebenen und in alle Windrichtungen – alles auf dem doppelten Boden des Symbolikpfuhls; Wummern und Wimmern. Ein bewegender Abgesang, der international für Furore sorgt und im Inland erwartungsgemäß polarisiert, politisch-kulturelle Ressentiments, stereotype Boulevarderregung und reflexartige (Online-Kommentar)-Schimpfkanonaden auslöst, wie sie das Land seit Thomas Bernhards Heldenplatz-Premiere und Schlingensiefs Container-Aktion nicht mehr erlebt hat.

Im Rahmen der internationalen „Olympiade der Kunst“ – „Mehr als 90 Länder treten gegeneinander an“, titelt Der Spiegel – belegt, so viel lässt sich sagen, Österreich mit diesem Performance-Themenpark die Spitzenposition: Die meiste mediale Aufmerksamkeit, das größte Polarisierungspotenzial, die längste Warteschlange! („Die Schlange vorm Österreichpavillon reicht jetzt bis Rumänien. – Das gab’s noch nie!“, ruft uns eine Besucherin stolz zu.) Wasser ist auch im israelischen (Ausweich-)Pavillon im Arsenale prägendes Motiv, wenngleich hier deutlich leisere Töne angeschlagen werden. Im Hauptraum hat der rumänisch- israelische Konzeptkünstler Belu-Simion Fainaru ein flaches Becken mit dunklem Wasser gefüllt; spiegelglatt, tintenhaft. Von Zeit zu Zeit wird ein darüber installiertes Sprinklersystem aktiv, die Düsen versprühen Wasser, erinnern an eine Bewässerungsanlage in der Wüste, wecken aber auch Assoziationen zu Gaskammern. Das Wasser fällt auf die Oberfläche, kräuselnd bilden sich konzentrische Kreise; der Klang der Tropfen prägt die akustische Wahrnehmung.

Die Installation Rose of Nothingness lädt zum Innehalten und Verweilen ein, zum Wirken-Lassen und Reflektieren von Rhythmen der Natur, von Präsenz und Absenz, vom Vergehen der Zeit, von Leben und Tod.

Im Vorraum liegt eine schwarze Rose, eingefroren in einem Eisblock, in einer geöffneten Liebherr-Tiefkühltruhe. Eine Wanduhr läuft rückwärts. Erde aus Jerusalem füllt die Tasche auf einem Stück Stoff. Der Künstler, der bereits 1993 Israel bei der Biennale vertreten hat, erläutert, gekleidet in Schwarz, sein Werk, in dem er sich auf jüdische Mystik und auf Paul Celans Todesfuge als Inspiration bezieht. Wir sind kaum mehr als zwei Dutzend Menschen; gespannte Ruhe. Der Lärm der Welt dringt durch die geöffnete Türe; Kontroversen, Kriege, Katastrophen wirken ins Innere. Vorbei an der Mesusa am Eingang des Pavillons treten wir wieder ins Freie, geblendet von grellem Sonnenlicht.

[wina - 07.2026]



Spuren der Vergegenwärtigung

Antlantik ©Paul DivjakWINA – DAS JÜDISCHE STADTMAGAZIN 10_2012 | URBAN LEGENDS | PAUL DIVJAK

“In der Spur werden wir der Sache habhaft;
in der Aura bemächtigt sie sich unser.”
Walter Benjamin

Von Puig del Mas aus erstreckt sich die Route, die seit 2007 offiziell Walter-Benjamin-Weg genannt wird – Chemin Walter Benjamin auf der französischen, Ruta Walter Benjamin auf der spanischen Seite.

Entlang eines kleinen Flüsschens ginge es von Banyuls-sur-Mer, Richtung Puig del Mas, wo sie die obere Abzweigung genommen hätten. Über einen kleinen Parkplatz, vorbei an Einfamilienhäusern, führe der Weg in die Berge, sagt mein Freund Aaron.

Walter Benjamin sei auf seiner Flucht vor den Nazis langsam unterwegs gewesen, sehr langsam. Der 48-jährige, herzkranke Mann, von seiner Gefangenschaft und dem Exil gezeichnet, habe den beschwerlichen Weg im französisch-spanischen Grenzland mit einer schweren Aktentasche aus Leder zurückgelegt, erzählt Aaron. Diese Tasche sei sein Ein-und-alles gewesen, in ihr habe er ein Manuskript aufbewahrt, das er für wichtiger als sein Leben erachtet habe. — mehr —


Was bleibt sind die Dinge

Shadows & Reflections / tulipsWINA – DAS JÜDISCHE STADTMAGAZIN 12–2019 + 01_2020 | URBAN LEGENDS | PAUL DIVJAK

„Aufhäufen des Vergangenen auf Vergangenes geht ohne Unterbrechung fort, folgt uns jeden Augenblick.“ Henri Bergson

Am medialen Horizont: die tägliche Überdosis News aus der Welt, in der wir leben. Multipler Krisendauerausnahmezustand, ideologische Verblendungen und Polit-Backlash inklusive. Und der private Alltag geht weiter, im Überschaubaren trotz katastrophaler Schieflagen: Konsum mit mehr oder weniger gutem Gewissen und Kritik an den herrschenden Verhältnissen. — mehr —


R.I.P

WINA – DAS JÜDISCHE STADTMAGAZIN 10_2017 | URBAN LEGENDS | PAUL DIVJAK

„I’m walking through deep water / I have no time to lose …“ Arthur Cave (2000-2015)

Ganz allgemein ist vom Verdrängen des Todes in unserer Kultur die Rede, dabei haben wir es auf der einen Seite mit einer Privatisierung des Sterbens und der professionalisierten, institutionalisierten Verwaltung des Todes und auf der anderen mit einer dauerhaften Präsenz des mediatisierten Sterbens zu tun.

Die Meldungen über Krieg, Terror, menschengemachte und naturbedingte Katastrophen, Flüchtlingselend und Hungersnöte gehören zum Medienalltag; der beständige Todes-Nachrichtenfluss kratzt an unseren Wahrnehmungsfiltern.

Der Tod ist allgegenwärtig in Nachrichten, Filmen, Games und Co.; die Unterhaltungsindustrie ist gerade zu besessen von Inszenierungen der Gewalt, des Kämpfens, Tötens und Sterbens. Und uns KonsumentInnen sind diese Repräsentationen des Todes wohl gleichsam Nervenkitzel und willkommener Bann, ganz so als ließe sich, – gleich einem techno-schamanistischen Schutzzauber –, der eigenen Sterblichkeit – zumindest eine Zeitlang – ein Schnippchen schlagen, die Todesangst ein wenig besänftigen. — mehr —


Alles bleibt wie´s ist

"Breaking News / Amnesia" ©Paul Divjak

“Breaking News / Amnesia” ©Paul Divjak

WINA – DAS JÜDISCHE STADTMAGAZIN 10_2019 | URBAN LEGENDS | PAUL DIVJAK

„Nichts ist schwerer und nichts erfordert mehr Charakter, als sich in offenem Gegensatz zu seiner Zeit zu befinden und laut zu sagen: Nein!“ Kurt Tucholsky

Sie fordern unsere Aufmerksamkeit, wollen unsere Stimmen, um sich dann weiter in unnötigen Animositäten und Machtkämpfen zu verzetteln, Angst in Bezug auf Verteilungsgerechtigkeit und die Zukunft zu kreieren und geeintes Handeln in Bezug auf dringlichste, die Menschheit herausfordernden Thematiken zu verunmöglichen. Diese nicht enden wollende Polit-Nonsens-Show auf allen Kanälen ist unerträglich. — mehr —