Fort! – Da!

Divjak - Zeichnung: Karin Fasching

Zeichnung: Karin Fasching

WINA – DAS JÜDISCHE STADTMAGAZIN 10_2025 | URBAN LEGENDS | PAUL DIVJAK

Technology is not neutral. We´re inside of
what we make, and it´s inside of us. We´re
living in a world of connections – and it matters
which ones get made and unmade.” (Donna Haraway)

Das laute Chaos und der unüberschaubare, unbegreifliche Wahnsinn der täglichen Meldungen, mit denen wir konfrontiert sind, übersteigen unser Wahrnehmungsvermögen. Alles Geschehen dringt zeitgleich auf uns ein, der permanente Strom der Kommunikation prägt unsere Tage (und unsere Nächte). Im Zentrum dieses Echtzeit-Datenflows steht das Smartphone – leistungsstarkes Werkzeug, Medien- und Kommunikationsknotenpunkt – als komplexes „Spielzeug“.

Sigmund Freud beschreibt in Jenseits des Lustprinzips (1920), wie sein achtzehn Monate alter Enkelsohn eine an einer Schnur befestigte Holzspule aus seinem Kinderbett wirft („Fort!“) und sie dann wieder zurückzieht („Da!“). Freud interpretierte dieses Spiel als Versuch des Kindes, die belastende Erfahrung der Abwesenheit seiner Mutter zu bewältigen. Indem es das Verschwinden und Wiederauftauchen mit dem Objekt aktiv nachstellte, verwandelte es eine passive, schmerzhafte Erfahrung in eine aktive, kontrollierbare, milderte seine Angst und begann, Phasen der Trennung zu tolerieren. Dieses einfache Spiel stellt laut Freud einen entscheidenden Schritt im Reifeprozess dar: den Übergang vom Lustprinzip (Verlangen nach sofortiger Befriedigung, Vermeidung von Schmerz) zum Realitätsprinzip (Toleranz und Akzeptanz vorübergehender Abwesenheit, Bewältigung der Realität).

Was aber haben die Spule eines Kindes vor über hundert Jahren und das allgegenwärtige Smartphone des 21. Jahrhunderts gemeinsam? Das dauerhaft mit dem Internet verbundene Mobilgerät fungiert quasi als modernes „Fort!-Da!“-Spielzeug, dessen inhärente Merkmale jedoch nicht die von Freud beobachtete Entwicklung ermöglichen. Anstatt Toleranz für Distanz und abwesende Subjekte und Objekte sowie ein inneres Gleichgewicht zu fördern, kann das Smartphone Ängste vor dem Verpassen von Information, die Abhängigkeit von ständiger virtueller Verbundenheit und einen paradoxen Zustand kultivieren, in dem man gleichzeitig – handlungsunfähig – mit dem globalen Netzwerk verbunden und von der unmittelbaren Lebensrealität getrennt ist.

Schon bei Kindern lässt sich beobachten, dass sie, das Handy in der Hand, zwar physisch anwesend, mental aber abwesend sind; vom Touchscreen ihrer Geräte absorbiert, ihrem unmittelbaren Umfeld entfremdet. Auch der Druck, eine kuratierte Online-Persönlichkeit aufrechtzuerhalten, der ständige Vergleich mit der Selbstdarstellung anderer sowie die Konfrontation mit unfassbaren Mengen an Inhalten wirken auf die User:innen. – Wo ziehen wir die Grenzen dessen, womit wir uns näher befassen?

In einer hypervernetzten Welt können wir nicht mehr alles wahrnehmen und darauf reagieren. Oft werden wir in Interaktionen hineingezogen, anstatt uns bewusst dafür zu entscheiden. Das von Freud beschriebene Kind kontrollierte die Spule; wir werden oft vom Gerät dominiert; rund um die Uhr: Pop-up-Meldungen, Nachrichten und Updates.

Das Smartphone als „Fort!-Da!“-Spielzeug scheint das Entwicklungsziel des Kinderspiels umgekehrt zu haben. Anstatt zu lernen, Ängste zu tolerieren und mittels (primären) Erfahrungen – auch in größerem Rahmen – Handlungsfähigkeit zu erlangen, werden wir abhängig von durch Algorithmen gesteuerten Rückkopplungsschleifen, was zu Zuständen ständiger (nervlicher) Überforderung führen kann, die durch verminderte Aufmerksamkeitsspanne und Ohnmachtsgefühle gekennzeichnet sind. Die Technologie, die es vermag, potentiell Distanzen zu überbrücken, Menschen zusammenzubringen und über globale Geschehnisse zu informieren, kann zu Distanz, Eskalation und kognitiver Dissonanz führen. Auch als Homo Politicus empfiehlt es sich daher, mitunter einen simplen Rat von Jim Carrey aufzugreifen: „Do more of what makes you forget your phone.“

[wina - 10.2025]



Love To Love You Baby

WINA – DAS JÜDISCHE STADTMAGAZIN 12_2012 | URBAN LEGENDS | PAUL DIVJAK

„And frankly there is nothing so unusual about being a Jewish cowboy!“
Socalled

Zum Zeichen ihrer Liebe hatten sich beide tätowieren lassen: Flo trägt nun Liavs Namen auf den Knöcheln der rechten Faust, Liav den von Flo.
Flo ist Schauspieler. Er liebt das Leben, Partys, Männer, bunten Fummel und die große Geste. – Das war schon immer so.

Flo und ich lernten uns Mitte der 1990er-Jahre kennen. Er gab damals eine Leiche. Da lag er, hübsch anzusehen – und: drehbuchgemäß erschossen; viel Fake-Blut inklusive. Ich war als Standfotograf für den Showdown angeheuert, kannte niemanden am Set und drückte auf den Auslöser. — mehr —


Zwischen Provokation und Tradition

Rose of Nothingness ©Paul Divjak

Rose of Nothingness ©Paul Divjak

WINA – DAS JÜDISCHE STADTMAGAZIN 07_2026 | URBAN LEGENDS | PAUL DIVJAK

„Schwarze Milch der Frühe wir trinken sie
abends / wir trinken sie mittags und morgens
wir trinken sie nachts.“
Paul Celan (Todesfuge)

„O Tempora, o mores“ prangt auf der Glocke, die vom Felbermayr- Kran vor dem österreichischen Pavillon hängt; und Cicero als Leitmotiv mit humanistischem Augenzwinkern. Ergänzend wird die christliche Ikonografie auf dem tönenden Bronzeobjekt feministisch umgedeutet: Eine Frau in Jesus-Pose, umgeben von Frauen an der langen Tafel; geballte Frauenpower, Kulturarbeiterinnen beim Abendmahl. Das gibt die Lesart vor. Was folgt, ist der Eröffnungsreigen im Regen; Vogelzwitschern, Jasminduft liegt in der Luft, die Menschenmenge versinkt im Meer der Parapluies. Die Wasserfront vom Himmel kommt und geht, Schirme werden in rhythmischen Wellenbewegungen aufgespannt und wieder geschlossen, nehmen sie doch die freie Sicht auf das Spektakel. — mehr —


Das, was noch nicht ist

Illustration ©Paul Divjak

Illustration ©Paul Divjak

WINA – DAS JÜDISCHE STADTMAGAZIN 10_2024 | URBAN LEGENDS | PAUL DIVJAK

Texte wie diese entstehen Wochen, bevor sie gedruckt und gelesen werden. Das, was geschehen wird, ist noch nicht passiert.

„Wir können nicht für die Welt verantwortlich sein, die unseren Geist erschaffen hat, aber wir können Verantwortung für den Geist übernehmen, mit dem wir unsere Welt erschaffen.“ (Gabor Maté)

Tagesaktuelle Ereignisse, nationales und internationales Geschehen ist nicht absehbar und lässt sich somit auch nicht beziehungsweise nur sehr schwer verhandeln. Gedanken und Reflexionen können entweder dem persönlichen Erleben entspringen, essayistische Form annehmen oder allgemeiner, abstrakter formuliert werden, als (systemische) Gegenwartsanalysen größere Zusammenhänge beschreiben, längerfristige Zustände und Entwicklungen aufgreifen. — mehr —


Der Wahnsinn der Normalität

Graffiti / Tel Aviv ©Paul DivjakWINA – DAS JÜDISCHE STADTMAGAZIN 12_2015 | URBAN LEGENDS | PAUL DIVJAK

„Wo die Ideologie der Macht gilt, wird das Selbst von seinem inneren Kern und damit auch von den Wurzeln seiner historischen Erfahrungen abgeschnitten …“ Arno Gruen

Die täglich auf uns einwirkenden Nachrichten verändern die Wirkung von medial etablierten „Heile Welt“-Konstruktionen. Inszenierungen wie jene der Werbeindustrie scheinen immer absurder angesichts der aktuell wachsenden Transitzonen der Ungewissheit.

Seit Monaten sehen wir als Medienkonsumentinnen und -konsumenten überfüllte Schiffe, kenternde Boote, Menschen, unterwegs zu Wasser, zu Land, auf Feldwegen, Straßen, Menschen, notdürftig untergebracht in Zelten, Turnhallen, Containern. Wir sehen Kinder, die im Freien, in Kartons, schlafen. Es fehlt mitunter am Notwendigsten, an Wasser, Nahrung, Kleidung, Toilettenartikel, Dingen des Alltags. — mehr —