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Prag 1968. Fotografien von Heinz Hosch, Sonderbeilage der Wiener Zeitung vom 21. August 2008 mit Beiträgen von: Anton Holzer, Alena Wagnerová, Jiří Gruša, Pawel Kohout, Kurt Kaindl, Anton Pelinka, Siegfried Mattl, Michael Stavaric und einem Vorwort von Paul Divjak.

Publikation anläßlich der Ausstellung "Prag 1968 - Fotografien von Heinz Hosch", Österreichisches Museum für Volkskunde, Laudongasse 15-19, 1080 Wien
Eine Ausstellung des Europäischen Monats der Fotografie (7.11.2008 – 7.12.2008)

Die Beendigung des „Prager Frühlings“ durch den Kreml im August 1968, ist als eines der Schlüsselereignisse des 20. Jahrhunderts, durch die - wenn auch unterschiedliche - Verankerung im kollektiven Gedächtnis bis heute präsent. Moskau hat damals das „Regime der Sache“ wiedereingeführt und Panzer geschickt, die Invasion war eine offensichtliche „Demaskierung des aufgedrängten Sozialismus“ (Jean-Paul Sartre, 1968).
Die Bilder aus dem besetzten Prag gingen um die Welt.

Ein Dutzend Aufnahmen erschien damals im Rahmen von tagesaktuellen Bildberichten auch in der Presse. Ihr Urheber: der österreichische Pressefo­tograf Heinz Hosch. Geboren 1927, war er Flakhelfer im 2. Weltkrieg, besuchte die Graphische Lehr- und Versuchsanstalt in Wien, und wurde Fotoreporter. Mitte der 1950er Jahre diente er bei der Französischen Fremdenlegion unter anderem als Fotograf. Später arbeitete er für die Bildagentur Votava, und von 1963 an als Redaktionsfotograf der Presse. Ab 1971 arbeitete er als freier Fotograf für den Kurier und Die Bunte. 1981, im Jahr seines unerwarteten Todes, war er offizieller Fotograf der Salzburger Festspiele.

Der Grossteil des umfangreichen Fotobestands, den Hosch 1968 in Prag mit seiner Nikon - und als diese konfisziert worden war, im Halbformat mit einer Minolta - schoss, insgesamt an die 400 Aufnahmen, überdauerte unveröffentlicht die Zeit. Erst nahezu 36 Jahre später, lange nach seinem Tod, sollten sie durch seinen Sohn Rainer, heute selber Fotograf, in seinem Nachlass entdeckt werden.

Die Bilder bieten die Möglichkeit, sich am Ende eines mit einer Vielzahl von universitären und musealen Aktivitäten sowie Veröffentlichungen ausgestatteten „Erinnerungsjahres“ bisher unbekannten fotografischen Primärquellen jenes historischen Ereignisses zuzuwenden und das Geschehen aus neuen Blickwinkeln zu betrachten. Es sind die Menschen, denen Heinz Hosch in seinen präzise kadrierten Schwarz-Weiß-Bildern Aufmerksamkeit zukommen lässt: im Mittelpunkt stehen die Gesichter und Haltungen, in denen sich „die Absurdität einer Fehlkalkulation“ (Jiří Gruša) widerspiegelt.

Im Rahmen einer Installation holt der Autor und Künstler Paul Divjak in Kooperation mit dem Fotografen Rainer Hosch - dem Sohn von Heinz Hosch und Verwalter seines Archivs - die Dynamik der historischen Ereignisse mit­tels Projektion aus dem medialen Tiefenspeicher und reaktualisiert sie. Das serielle Moment der Fotos wird aufgegriffen und durch Soundscapes des heutigen Prag atmosphärisch verdichtet.
Vintage Prints und Archivalien erweitern die künstlerische Intervention und dokumentieren die Arbeit von Heinz Hosch. Die Berichterstattung in der Tageszeitung "Die Presse" setzt dabei chronologische Markierungen, und erlaubt es die Spuren des Fotografen im historischen Geschehen aufzunehmen.

Als Preview der Ausstellung ist am 21. August 2008 anlässlich des 40. Jahrestages der Besetzung eine Auswahl der Fotografien – zurückgeführt in das Medium für das sie ursprünglich entstanden waren: die Tageszeitung – im Rahmen einer Sonderbeilage der Wiener Zeitung erschienen. Diese Beilage, in der die  Bildzeugnisse um zeit- und fotohistorische, sowie politikwissenschaftliche Beiträge und ein Interview erweitert wurden, ist nunmehr als Begleitpublikation der Ausstellung verfügbar.

Kuratoren der Ausstellung:
Paul Divjak, Matthias Beitl

Archiv:
Rainer Hosch, New York

In Kooperation mit: Wiener Zeitung

 

Pressestimmen

„(...) Auf rund 450 Fotos sammelte er Eindrücke auf den Straßen von Prag, wo Menschen entsetzt waren über die Invasion und Panzerfahrer erstaunt, wohin sie ihr Oberbefehlshaber geschickt hat. Die unentwickelten Bilder von Heinz Hosch wurden kürzlich von seinem Sohn im Nachlass entdeckt.
Als der "Prager Frühling", jenes Reformexperiment, das in der CSSR ein bisschen mehr Demokratie und ein bisschen weniger Kontrolle versprochen hatte, im August 1968 gewaltsam beendet wurde, war Heinz Hosch im Auftrag der Tageszeitung "Die Presse" bereits vor Ort.
Im Unterschied zu den bisher bekannten Fotos der rollenden Panzer in Prag und anderen tschechoslowakischen Städten zeichnen sich Hosch' Bilder durch die Nähe zu den Menschen aus, betont Paul Divjak im Gespräch mit science.ORF.at. Divjak hat gemeinsam mit Rainer Hosch das fotografische Vermächtnis des Bildreporters aufgearbeitet.
"Die Fotos sind konzentriert auf die Gesichter, zumeist auf die russischen Gesichter. In diesem Sinn ist das sehr wertvoll, weil es die Lage revitalisiert", kommentiert der ehemalige tschechische Dissident und heutige Direktor der Diplomatischen Akademie in Wien, Jirí Grusa, die Fotos von Hosch. Divjak hat Grusa für eine Sonderbeilage der "Wiener Zeitung" interviewt, in der zum 40. Jahrestag der Invasion einige Bilder präsentiert werden. (...)“
[Elke Ziegler, science.ORF.at]

„(...) Das Besondere an dieser Serie liegt in der Offenheit des Fotografen, der gleichermaßen unvoreingenommen den Okkupationstruppen wie der Bevölkerung gegenübergetreten ist. In den Gesichtern der Soldaten entdeckte er nicht Überlegenheit, sondern Irritation und Unsicherheit, die protestierenden Frauen und Männer wirken nicht verzweifelt oder abweisend, sondern treten selbstbewusst und teilweise fröhlich auf; und den einen wie den anderen ist Ratlosigkeit anzumerken. Viele der von Hosch gemachten Ansichten stehen damit gegen jene zahlreichen, die damals von der Presse im Westen publiziert worden sind. Ich erinnere mich, dass die Konfrontation von Panzern und Menschen, von Gewalt und Ohnmacht die Zeitungsseiten jener Tage beherrscht hat. Damit auch dieser Teil der Geschichte präsent ist, haben die Kuratoren Paul Divjak und Matthias Beitl Ausgaben der Tageszeitung Die Presse , für die Hosch gearbeitet hat, besorgt und in Vitrinen ausgelegt. So wird augenscheinlich, welche Bilder den Vorstellungen der Redaktion entsprochen haben und welche den Lesern nicht vorgesetzt werden sollten. (...)“
[Timm Starl, Fotokritik]

„(...) Die rund 80 Fotos, die in der Ausstellung als Diashow – nebst Zeitungsausschnitten und Kontaktabzügen – präsentiert werden, vermitteln eher die gedrückte Atmosphäre einer Pattsituation denn die Dramatik von Straßenkämpfen. Am besten kondensiert sich die Stimmung im Foto von einer beeindruckenden Ansammlung von Bürgern, die den Wenzelsplatz besetzen. Im Begleitheft konstatiert der Historiker Siegfried Mattl einen „Schwebezustand in den Machtbeziehungen, deren Dauer einzigartig ist.“
Hoschs Fotografien drücken die Spannung dieser ausweglosen Situation aus, ohne sich jedoch in Depression zu erschöpfen.“
[Nicole Scheyerer, Profil]

„(...) Das dokumentarische Juwel der Ausstellung und Publikation bleiben Hoschs eindringliche Fotografien. Anders als die durch eine Ausstellung im Museum of Modern Art und unzählige Reproduktionen bekannt gewordenen Fotografien des tschechischen Fotografen Josef Koudelka, der ob seiner Nationalität und seiner Arbeit als Kunst- und Portraitfotograf die Geschehnisse sehr dramatisierte, zeigt uns Hosch einen objektiven und neutralen, aber auch einen sehr direkten und nahen Blick auf die Dinge. Er ist nicht abseits, sondern inmitten der Geschehnisse, dokumentiert die Mimik und Haltungen der russischen Besatzer, die nicht unterdrückend, sondern entschuldigend und mit der Situation der Invasierten anteilnehmend wirken. Hosch bewegt sich und wird bewegt durch die versammelten Massen am und um den Wenzelsplatz in Prag. Er wird passiver Teilnehmer einer politischen Bewegung, die sich im besten Sinne des Wortes „Polis“ der Stadt selbst annimmt und sich als Ausdruck einer Gemeinschaft zeigt. Die Demonstration ist körperlich und menschlich gewordenes Manifest eines neuen Sozialismus. (...)“
[Günter Hainzl, Dérive, Nr. 34/2008]

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